Wenn der Tag erwacht

Es hatte geregnet. Die ganze Nacht. Wie aus Eimern war das Wasser auf die Erde niedergeprasselt, hatte auf meinem Dachfenster für einen nicht enden wollenden Trommelwirbel gesorgt. Und mich immer wieder im Schlaf unterbrochen. Anstatt mich aufzuregen und im Bett zu wälzen, wie ich es immer tue, wenn ich nicht schlafen kann, blieb ich ruhig liegen und lauschte der Choreographie der Tausenden von Tropfen. Sie wiegte mich in ihrem wechselvollen Takt und erlaubte mir, meinen Geist darin abtauchen zu lassen.


Der Wecker riss mich jäh aus meiner Versunkenheit. Verwundert stellte ich fest, dass der Regen aufgehört hatte und die Müdigkeit aus meinen Gliedern gekrochen war. Ich hatte in einer Dreiviertelstunde eine Besichtigung auf der anderen Seite der Stadt. Ich sollte eine Reportage schreiben über eine Schlosserei, die im Begriff war, sich zu verwandeln. Ob in eine Werkstatt mit eingegliederter Bar oder umgekehrt, wusste der Architekt selber noch nicht. Trotzdem wollte er mir das Lokal vorführen. Ob er glaubte, ich könnte ihm den Entscheid abnehmen?


Während ich unter der Dusche stand, überlegte ich, ob ich mich überhaupt darauf einlassen sollte. Ich beschloss, es auf mich zukommen zu lassen, obschon es keinen halbwegs guten Grund gab, anzunehmen, der Architekt würde nicht selber entscheiden wollen. Der Kaffee, den ich – bereits im Mantel – noch schnell trank, bestärkte mich in der Haltung, mir den Kopf nicht auf Vorrat zu zerbrechen.

Als ich auf die Strasse trat, stieg mir der süssliche Geruch der ersterbenden Nacht in die Nase. Der Regen hatte die Atmosphäre gereinigt, die nassen Strassen glänzten in einem seidigen Schwarz. Ich atmete den jungen Tag tief ein und machte mich auf den Weg zur Tramstation. Aus einem Vorgarten kam eine getigerte Katze auf mich zu und umschmiegte meine Beine. Eigentlich mag ich keine Katzen. Sie sind mir zu unabhängig und zu eigensinnig. Doch die liebevolle Einstimmung auf den Morgen, die bedingungslose Zärtlichkeit, sie stimmten mich milde.


Ich blieb stehen und kraulte dem Tier das Genick. Sie schnurrte und wäre wohl am liebsten bei mir geblieben. Das Tram wartete jedoch nicht. Also schob ich die Katze behutsam beiseite, was ihr gar nicht in den Kram passte. Sie miaute mir hinterher, bis ich mich umdrehte. In ihren dunklen Augen blitzte ein fahler weisser Schein auf. Es sah aus, als hätte der Mond, der die ganze Nacht zur Pause gezwungen war, eine Lücke gefunden, um die Menschen doch noch erleuchten zu können. Das Bild betörte mich. Ich merkte, wie ich darauf verharrte und das Gefühl für die Zeit verlor.


Das Tram war längst abgefahren, bis ich die Haltestelle erreicht hatte. Die Anzeigetafel sagte mir, dass ich sogar zwei Verbindungen verpasst hatte. Was mich verblüffte. Noch mehr erstaunte mich, dass ich es hinnahm wie einen Cervelatsalat in meiner Stammbeiz, bei dem der Koch die Zwiebeln vergessen hatte. Neben mir warteten keine Handvoll weiterer Fahrgäste auf die nächste Verbindung. Derweil mir das Wasser im Mund zusammenlief, sprach ein jüngerer Mann mit flacher, armeegrüner Strickmütze und hoffnungsvollem Blick die wartenden Menschen an. Alle schüttelten sie den Kopf, und als er bei mir war, machte er ein Gesicht, wie wenn ich ihm Pest und Cholera gleichzeitig an den Hals gewünscht hätte. «Ich bin unterwegs für die Gassenküche. Möchten Sie uns mit einer kleinen Spende unterstützen?»

Nicht wirklich. Ich wollte schon in den monotonen Chor der Ablehnenden einstimmen, da sah ich das Licht in den Augen der Katze wieder vor mir. Ich kramte das Münz in meiner Hosentasche zusammen und überreichte es dem Mann mit einem Lächeln. Das Licht sprang auf ihn über. Freudestrahlend nahm er das Geld entgegen und lud mich zum Dank in die Gassenküche ein. «Es gibt jeden Mittag etwas Warmes zu essen. Wir sind auch offen für nichtbedürftige Menschen.»


Der zweite Satz klang wie eine Entschuldigung. Wofür war mir nicht klar. Dennoch fragte ich nicht nach. Ich wollte ihm ersparen, dass er sich für ein paar Fränkli erklären musste. Der Mann versorgte das Geld in eine gedrungene Kaffeebüchse, steckte diese in seine Umhängetasche und zog erleichtert von dannen. Gedankenabwesend schaute ich ihm nach. Und hätte das Tram um ein Haar wieder verpasst. Nur weil eine behinderte Frau länger brauchte, um auszusteigen, schaffte ich es in den hintersten Wagen, ehe die Türen zuschnappten.


Die Bankreihe vor dem Rückfenster bot eine Aussicht wie die Logenplätze eines Kinosaales. Kaum hatten wir die Strassenschlucht verlassen, trachtete der Tag danach, die Leinwand zu bespielen. In seiner ganzen Pracht von Licht und Farbenspiel. Die Wolkenfragmente klammerten sich mit ihrem dunkelgrauen Sockel verzweifelt an den Horizont, um nicht unterzugehen. Die Sonne, die sich anschickte, den Himmel für sich zu gewinnen, schenkte den Wolken zum Abschied einen goldenen Anstrich. Es war ein wundervolles Schauspiel, das sich auf der Leinwand abbildete.


Eines, wie nur ein erwachender Tag es zu schaffen vermag. Ich hätte bis zur Abenddämmerung mit dem Tram weiterfahren können. Für einen Moment wünschte ich den wartenden Termin zur Hölle. Um im nächsten aufzuschnaufen. Ich bedankte mich innerlich beim auflebenden Tag, dass er meine Gedanken davor bewahrt hatte, auf dem Weg durch die Stadt in ihren Untiefen nach einer Antwort auf die Frage des Architekten zu graben.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Das Wertvollste, was ihr euch schenken könnt, liebe Menschen, sind täglich Momente, in denen ihr eure Zeit vergesst. Momente der Einkehr und der Einsicht in die Schönheiten, die euch der Alltag immer wieder von neuem schenkt.

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