Liebkosungen in der Aare


Ich bin ein Schisshase. Nicht grundsätzlich und nicht grundlos. Fliessende Gewässer sind es, die mich ängstigen. Seit ich ein Kind war. Woran es liegt, habe ich nie herausgefunden. An ein traumatisches Ereignis kann ich mich nicht erinnern, und die Aare ist mir seit Jahrzehnten vertraut. Ich bin neben ihr aufgewachsen. Die Nachbarschaft aber mündete nie in echte Nähe, in eine Verbundenheit, die andere Menschen zu Flüssen empfinden. Eine innere Verbindung, die sie in ekstatischen Gedichten preisen oder sich in mitreissenden Songs von der Seele singen.

Die Aare und ich, wir hatten keine wirkliche Freundschaft, keinen engen Bezug zueinander. Sie floss an mir vorbei, die ganze Zeit über, ohne Emotionen zu wecken. Abgesehen davon, dass mir die Zehen beinahe abfroren, wenn ich im Hochsommer meine Füsse in das knapp 20 Grad warme Wasser steckte. Lieber nutzte ich den Fluss, um flache Kieselsteine über dessen Oberfläche zu schiefern. Um als Schwimmer in einen Fluss zu steigen, dafür fehlte mir der Mut. Dies zuzugeben fällt nicht leicht, insbesondere in einer Stadt, in der so viele Menschen mit Begeisterung dem Aareschwimmen frönen. Eine Begeisterung, von der sich die Unesco hat anstecken lassen. Sie setzte das Schwimmen der Städter in ihrem Fluss kurzerhand auf die Liste der lebendigen Traditionen. Was für eine Erquickung!

Georgette schüttelte den Kopf. «Nun hab dich nicht so. Die Aare fliesst ruhig und tief ist sie auch nicht.»

Es ging nicht. Was ich meiner guten Freundin wortreich zu erklären versuchte. Sie gab nicht nach. «Alle paar Meter hat es Treppen mit roten Metallgeländern, wo du problemlos aussteigen kannst.»

Diesmal schüttelte ich den Kopf. Georgette verwarf die Hände, streifte das hellgelbe Trägerleibchen ab und schlüpfte aus ihrer Leinenhose. Ohne weitere Worte marschierte sie im geblümten Badekleid ans Flussufer. Ein entschlossener Satz, und sie war in der Aare. Meine gute Freundin hatte schon immer ein furchtloses Herz gehabt. Obgleich sie zur Beleibtheit neigt und ein eher behäbiger Mensch ist, zog der Fluss Georgette elegant mit sich. Ihr Kopf, der aus dem Wasser guckte, schrumpfte vor meinen Augen im Nu auf die Grösse eines Stecknadelkopfes. Schon bald war sie ganz aus meinem Blickfeld verschwunden.

Ich begann zu warten. Keine Ahnung, wie weit Georgette sich treiben lassen wollte. Als sie nach knapp einer Viertelstunde noch nicht zurück war, machte sich das mulmige Gefühl bemerkbar, das mich immer davon abgehalten hatte, in die Aare zu steigen. Endlich tauchte sie auf, weit hinten auf dem Uferweg, und mein Herz hievte sich wieder aus der Hose an seinen angestammten Platz. Vergnügt und erfrischt streckte sie mir ihr Badetuch entgegen und forderte mich auf, es vor sie hinzuhalten. Ich tat, wie mir geheissen, während Georgette behende wie selten das Badekleid abstreifte und mir ihre Brüste zuwandte. So offenherzig hatte ich sie noch nie erlebt, und eine feurige Röte setzte sich in meinem Gesicht fest. Georgette gluckste amüsiert auf. «Man könnte meinen, du hättest noch nie einer Frau beim Umziehen zugeschaut.» Hatte ich wohl, nur war es nie eine gute Freundin gewesen, was bei mir ein Gefühl heraufbeschwor, wie wenn ich gezwungen würde, in einen Fluss zu springen.

Wieder in ihren Kleidern, setzte sich Georgette neben mich auf die Mauer. Diese ging einer Mole gleich über die angedeutete Bucht hinaus in die dahinfliessende Aare. Meine gute Freundin kühlte ihre Füsse im Wasser, ich hatte meine Beine angezogen, und wir teilten uns ein Bier aus der Dose. Die Welt war wieder in Ordnung. Allerdings nur kurz. Das Bier war noch nicht leer, als Georgette eine neue Idee hatte. «Fang doch hier in der Bucht mit Schwimmen an. Das Wasser zieht nicht und du kannst problemlos darin stehen.»

Ich verstand nicht, warum meine gute Freundin nicht locker liess. Das Wasser sei mir zu kalt, erklärte ich ihr mit hörbarem Überdruss. Und überdies hätte ich keine Badehose bei mir. Georgette liess meine Ausreden nicht gelten. «Ach ihr Männer. Immer wollt ihr die starken Kerle sein, und wenn ihr einmal auf die Zähne beissen sollt, benehmt ihr euch wie Memmen. Falls du dich nicht in der Unterhose hinein getraust, kann ich dir mein Badekleid leihen.»

Da stand ich nun in der seichten Bucht, das Wasser bis kurz unter den Bauchnabel und kam mir vor, als wäre ich im Kinderplantschbecken einer Badi und lauter entgeisterte Mütter würden mich anstarren. Ich hielt den Atem an, um die Kälte von mir fernzuhalten. Was in etwa gleich effektvoll war, wie wenn ich versuchen würde, einen Rotweinfleck aus einem weissen Hemd zu entfernen, indem ich ihn heftig anblase. Ich versuchte es mit Zählen. Eins, zwei drei… Als ich bei fünfundzwanzig angekommen war, musste ich erkennen, dass auch diese Methode nicht funktionierte. Bevor Georgette einen Lachanfall erlitt und die belustigte Zuschauerschar am Ufer grösser und grösser wurde, musste ich handeln. Entweder eintauchen oder aussteigen und abtauchen. Ich entschied mich für ersteres. Meine gute Freundin klatschte mir unterstützend zu und der Rest des Publikums stimmte mit ein. Ich kam mir vor wie ein Fahrschüler, der auf einem leeren Parkplatz herumkurvt und weiss, dass die Strasse noch weit weg ist.

Wieder zu Hause, genehmigte ich mir eine heisse Schokolade, worauf sich die Anspannung der Ereignisse langsam legte. Meine Gedanken drehten weiter um die Aare. Der Fluss, dem ich die Aufmerksamkeit lange Zeit versagt hatte, er nahm die meine gefangen. Er wollte mich. Das Verlangen war so stark, wie ich es sonst nur von Frauen kannte. Plötzlich war die Angst wieder da. Nicht vor der Aare, sondern davor, ihr nicht widerstehen zu können. Ich wusste, sie zu überwinden würde heissen, ihr zu begegnen. Offen und nicht verleugnend. Ich gönnte mir eine weitere Schokolade und wartete die Dämmerung ab. Dann schlich ich mich zurück an die Aare. Sie floss verlassen der Nacht entgegen, als würde sie auf mich warten. In der Überzeugung, dass ich mich ihrem Reiz nicht zu entziehen vermochte.

Ich war verwirrt und kannte mich selber nicht mehr. Ich konnte es kaum erwarten, in die Aare einzutauchen. Zwei, drei zaghafte Schritte, dann ein herzhafter und drin war ich. Das Wasser umhüllte mich sanft, liebevoll. Es fühlte sich frisch an, aber nicht kalt. Der Zug des Flusses war moderat, weswegen ich mich wohl geborgen fühlte. Ich staunte, wie er mich trug, ohne dass ich etwas beitragen musste. Schwimmen, sonst ein Krampf, war noch nie so leicht, so schwebend gewesen. Ich war ein Fremder in der Aare, doch sie nahm mich in ihren Schoss und liebkoste mich. Sie liess mich spüren, dass wir zusammen gehörten. Die Aare und ich, wir hatten zueinander gefunden wie ein Paar, das an einem Klassentreffen ein Vierteljahrhundert nach dem Schulabschluss erstmals Augen füreinander hat. Ich schloss die Augen und liess mich im Gedanken der bis vor kurzem undenkbaren Vereinigung treiben. Als ich sie wieder aufschlug, hatte die Aare mich auf der Schlaufe um mehr als die halbe Altstadt herum befördert.

Plötzlich wurde das Wasser unruhig. Um mich herum begannen Wellen zu schlagen und Wirbel zu drehen. Ich merkte, wie ich die Orientierung verlor. Panik erfasste mich und ich sah mich bereits in den Wassermassen untergehen. Auf einmal ertönte aus der schäumenden Flut Musik. Es war der Klingelton meines Smartphones. Ich fuhr hoch und griff hastig nach dem Gerät, das neben dem Bett am Boden lag. Georgette hatte mir eine Kurznachricht geschrieben. Sie wollte wissen, ob ich nach der gestrigen Annäherung an die Aare heute mit ihr schwimmen gehen würde. Ich zögerte keine Sekunde.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Unternehmt mal Dinge, liebe Menschen, die euch selbst in den kühnsten Träumen nicht einfallen würden. Ihr werdet euch mit dem Gefühl der Erleuchtung belohnen, wenn sich etwas Unbekanntes in einen Traum verwandelt.


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