Elchtest vor der Ampel

Wie stark ist Ihre Vorstellungskraft? Bestimmt sehr. Wollen wir es ausprobieren? Schön. Dann schliessen Sie Ihre Augen, legen den Kopf in den Nacken, atmen tief ein und wieder aus. Und jetzt, was sehen Sie?


Wenn ich das mache, zeichnet sich vor meinem inneren Auge ein Wohnraum ab. Er steigt in die Höhe, hinauf zu einer Spitzkuppel, die von weiss getünchten Holzbalken getragen wird. Im offenen Kamin an der Mauer aus Bruchstein knistert das mit Tannenholz gefütterte Feuer. Direkt darüber hängt das Geweih eines Elchs mit seinen imposanten Schaufeln. Zu beiden Seiten steht je eine Nordmanntanne. Sie streben danach, mit ihrem Wipfel durch die Kuppel zu entfliehen, ehe das Feuer ihre Artgenossen fertig verspeist hat. Das Gefühl, in einem abgewetzten pechschwarzen Ledersessel zu sitzen und ein Glas London Dry Gin in der Hand zu halten, vervollständigt das Gemälde in meinem Kopf.


Was tun Sie, wenn der Magie die Kraft fehlt, um Wirklichkeit zu werden? Träumen Sie weiter und hoffen, die Macht des Wunsches werde eines Tages die Überhand gewinnen und Ihnen, wenn Sie die Augen öffnen, eine freudvolle Überraschung bereiten? Das ist mir zu anstrengend. Und obendrein zu langweilig. Ich erschaffe mir lieber eine kleine Form von Realität.


Vor Monaten hatte ich mir im Ausverkauf einen elektrischen Kaminofen gekauft. So gross wie eine Handharmonika, sorgt er neben der Wärme mit seinen künstlichen Flammen für wohlige Unterhaltung. Rechts und links davon stecken in Plastiktöpfen zwei Koniferen. Was mir noch fehlte, war ein Wandschmuck. Bis vorletzte Woche. Auf einer Auktionsplattform im Internet bot jemand ein Hirschgeweih an. Gut, es war aus Kunststoff, aber das kümmerte mich nicht. Hauptsache, es passte ins Kleinformat meines inneren Bildes. Und konnte erst noch für vorweihnächtliche Stimmung sorgen.


Ich musste dreimal einen unbekannten Konkurrenten überbieten und am Schluss fünfundzwanzig Franken drauflegen, damit das Geweih meines wurde. Die Verkäuferin wohnte in einer Vorortsgemeinde, und das Geweih hatte eine Spannweite von einem Meter sechzig. Umständliche Voraussetzungen, um mit dem Bus hinzufahren. Also bestellte ich ein Taxi und rief Lorenzo an. Mein alter Kumpel sollte mir helfen, das Geweih ins Taxi zu bekommen und von dort in meine Wohnung im vierten Stock.


Er war mässig begeistert. Nicht, weil er mir nicht helfen wollte. Lorenzo hielt meine Ersteigerung für kitschig. Ich nahm ihm seine Reaktion nicht übel. Sie bestätigte mir, dass es gescheiter war, mich nicht mit dem Geweih in einem Bus blicken zu lassen. Das Bier, das ich Lorenzo versprach, beruhigte mich zusätzlich. Es bot Gewähr, dass er wenigstens ein bisschen Sorge im Umgang mit dem Hirschgeweih zeigen würde.


Der Taxichauffeur war ein galanter Mensch. Als wir aus dem Haus traten, stand er neben seinem Auto bereit und öffnete mit einer schwungvollen Bewegung die hintere Türe. Die hellen Augen und der kurzgestutzte graumelierte Bart schenkten dem Mann ein freundliches Aussehen. Lorenzo war beeindruckt. «Hast du ihn geschmiert?»


Ich lächelte meinen alten Kumpel vielsagend an. Vielleicht würde ich es tatsächlich tun müssen, damit er bereit wäre, mein Gut zu transportieren. Ich hielt es für besser, den Mann nicht über den Zweck unserer Fahrt zu informieren. Der Verkehr war mager, weshalb wir unser Ziel glatt in zwanzig Minuten erreichten. Ich hiess den Chauffeur zu warten. Als Lorenzo und ich mit dem Geweih zurückkamen, sah ich die Freundlichkeit aus dem Gesicht des Mannes fliehen. «Sie wollen nicht etwa dieses Ding in meinem Taxi transportieren?»


«Nicht wir, Sie transportieren es», witzelte Lorenzo.


«Nein, das werde ich nicht tun. Ich bin doch keine Brockenstube auf Rädern.»


Dachte ich es mir doch. Ich sah mich schon genötigt, eine Fünfzigernote extra springen zu lassen, da preschte Lorenzo vor. «Komisch. Bei der Konkurrenz geht das. Ich nutze öfters Taxis für Transporte, und der Fahrer hat noch nie ein Theater gemacht.»


Der Mann gab einen Stossseufzer von sich und öffnete die Beifahrertüre, damit Lorenzo und ich unsere Fracht einladen konnten. Nun war es mein alter Kumpel, der mir vieldeutig zugrinste. Das Geweih auf dem Rücksitz hatte auch die Gelassenheit aus dem Chauffeur gescheucht. So wie er das Taxi steuerte, hätte man meinen können, dass ihm die Kolonie von Flöhen, die einen Elch gemeinhin bevölkern, in die Hose gekrochen wären.


Er brauste an einem Fussgänger vorbei, der dabei war, den Zebrastreifen zu betreten, als wäre dieser aus Steingut. Einem anderen Auto, das vor einem Rotlicht stand, fuhr er durch einen brüsken Spurwechsel unmittelbar vor der Ampel fast ins Heck. Mir wurde mulmig zumute, und als ich hinüberschaute, sah ich, dass es Lorenzo gleich erging.


«Manche Leute fahren einfach gefährlich», brummte der Fahrer. Ich war erstaunt ob seiner Einsicht.


«Haben Sie gesehen?» Er deutete auf den Wagen, der neben uns angehalten hatte. «Der ist so herangeschossen gekommen, da bin ich lieber ausgewichen.»


Das Licht sprang von Rot auf Grün, und unser Chauffeur drückte aufs Gas, wie wenn er in Monte Carlo am Start des Formel-1-Rennens stehen würde. Er zog wieder nach rechts, quetschte sich vor das Auto, das zuvor neben uns gestanden hatte und brauste davon. Zwei Häuserzeilen später machte er die nächste Gefahrenquelle aus. «Sehen Sie da drüben? Die Frau tippt während sie fährt, Nachrichten in ihr Mobiltelefon. Einfach verantwortungslos!» Er schüttelte den Kopf. «Sie glauben gar nicht, was alles abläuft auf der Strasse.»


Oh doch. Und ich war sicher, dass Lorenzo es auch glaubte. Bevor uns das nächste Rotlicht stoppen konnte, klingelte ein Telefon. Der Chauffeur begann mit der rechten Hand nervös in der Mittelkonsole herumzukramen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis er sein Smartphone in der überfüllten Ablage gefunden hatte, doch sie kamen mir wie Minuten vor. «Ciao Raffaele, bist du wieder mal in der Stadt? Wo soll’s denn hingehen? Raus zum Flugplatz. Gut. Ich habe noch einen Transport und bin in einer Viertelstunde bei dir im Hotel.»


Die Flöhe hatten sich davongemacht und die Freundlichkeit war in den Fahrer zurückgekehrt. «Das war einer meiner treusten Kunden. Er ist Geschäftsmann, und wann immer er herkommt, ruft er mich an. Er will kein anderes Taxi. Sie sehen, sorgsames Fahren zahlt sich aus.» Er fuchtelte mit seinem Mobiltelefon herum, als könne er damit auf magische Weise den Verkehr lenken. Er schien nicht zu bemerken, dass die Ampel vor uns auf Rot schaltete. Lorenzo hielt den Atem an und ich wollte gerade «Halt» schreien, da stieg der Fahrer auf die Bremse. Wir hielten abrupt und warteten. Dem Lastwagen, der von links über die Kreuzung wollte, starb beim Anfahren der Motor ab. Der Fahrer des dahinter wartenden Wagens drückte entnervt auf die Hupe. Unser Chauffeur schüttelte erneut den Kopf. «Ich sage es doch. Überall Aggressionen und Unachtsamkeit im Verkehr.»


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Ihr Menschen braucht Regeln, um miteinander leben zu können. Wenn diese Regeln für euch so wahnsinnig wichtig sind, warum fangt ihr nicht als erste an, sie zu befolgen?

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