Kein fauler Zauber



Faul. Ein Wort, das bei euch Menschen ein schlechtes Ansehen hat. Was faul ist, ist nutzlos, hat keinen Wert. Es wird entsorgt, landet im Abfall, auf dem Kompost, bestenfalls bei einem Trödler. Nun ja, faule Äpfel und Tomaten schmecken scheusslich, faule Eier und fauler Fisch stinken zum Himmel. Wer will sich schon damit den Magen verderben. Und kaum jemand käme auf die Idee, einer Frau eine faulende Rose zu schenken. Oder in eine Kutsche zu steigen, deren hölzerne Radspeichen am Verfaulen sind. Oder für einen lieben Menschen ein Dinner bei Kerzenlicht in einer Burg auszurichten, deren Wände grau und angefault sind.


Faul hat auch in eurer Sprache einen modrigen Beigeschmack. Etwa, wenn ihr von faulen Geschäften erfahrt, sich ein Mensch in faule Ausreden flüchtet oder ihr gezwungen seid, einen faulen Kompromiss einzugehen. Dann ist alles bloss noch fauler Zauber.


Am schlechtesten ertragt ihr, wenn jemand auf der faulen Haut liegt. Da muss etwas am Charakter faul sein. Ein Mensch, der nichts tut, ist nichts. Das zumindest glaubt ihr, wenn ich euch so zuhöre. Gegen Ausruhen habt ihr nichts, aber nur, solange es jemand zwischendurch macht und sonst schön brav immer das tut, was er tun sollte.

Was soll der anhaltende Aktionismus? Weniger davon gibt euch mehr. Wer faulenzt, füllt nicht nur seinen Körper mit frischer Kraft auf, er lässt dem Geist Flügel wachsen und ihn davonflattern. An Orte, wo er noch nie oder schon lange nicht mehr gewesen ist. Menschenskind! Ich töne schon wie ein Philosoph! Und all das nur, damit ihr vielleicht versteht, was eine Amerikanerin und ihr Grossvater schon vor über vierzig Jahren begriffen haben. Sie haben den Tag des Faulenzens begründet. Zugegeben, es mag gescheit sein, wenn ihr nicht gleich alle miteinander faul seid. Aber wetten, ihre seid nicht so faul, dass ihr nicht euren persönlichen Tag des Faulenzens einführen könnt.


Viel faule Haut wünscht euer Köbi

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