Magnifique, so ein Hund

«Was?» Ich glaubte, mich verhört zu haben. Georgette hatte mir soeben erzählt, dass sie sich einen Hund kaufen wollte. Ausgerechnet meine gute Freundin, die ihre Freiheit und Unabhängigkeit höher hielt als ein aufrechter Katholik den Papst, wollte sich anbinden lassen. Nein, anketten, denn es sollte nicht bloss ein Hund sein, sondern gleich auch noch ein junger. Sie wolle ihn durchs Leben begleiten können, ihn formen und mit ihm arbeiten, lautete ihre Begründung. Er sollte zu einem treuen, gutmütigen Begleiter des Menschen werden, so wie wir uns alle in unseren süssen Träumen einen Hund wünschen.


Mir wurde fast schwindlig, wenn ich mir meine gute Freundin mit einem dressierten Hund vorstellte. Georgettes Leben war nicht auf Selbstbestimmung ausgerichtet, nein, es bestand aus ihr. Das hatte früh angefangen. Als Einzelkind war sie bei ihrem Vater aufgewachsen. Die Mutter hatte sich aus ihrem Leben verabschiedet, bevor Georgette eine Erinnerung an sie haben konnte. Der Vater war Techniker eines Philharmonieorchesters und als solcher oft unterwegs. Meine gute Freundin folgte ihm an den Wochenenden und in den Schulferien.


Sie war es gewohnt, alleine mit dem Zug quer durch Europa zu reisen. Obschon sie es liebte, mit ihrem Vater zusammen zu sein, kam sie ohne ihn gut zurecht. Für die Schule hatte der Vater Georgette eine Vollmacht für alle formalisierten Gespräche mit den Lehrern ausgestellt. «Meine Tochter ist selbständig und kann ihre Interessen ohne mich wahrnehmen. Sollte es einmal ein Problem geben, können Sie gerne bei uns vorbeikommen. Ich bin immer an Weihnachten und Ostern zu Hause.»


Natürlich gab es nie ein Problem. Die Lehrer hatten an Weihnachten und Ostern keine Zeit, und Georgette verfügte über ausreichendes Geschick, um die Unterschrift des Vaters zu fälschen, wenn sie einmal einen Test versaut hatte. Die Selbstbestimmung blieb Georgette auch wichtig, als sie ins Berufsleben eintrat. So wichtig, dass die Jahre weniger häufiger wechselten, als Georgette eine neue Stelle antrat. Das änderte sich, als sie in den Aussendienst wechseln konnte. Unterwegs zu arbeiten, anstatt in einem stickigen Büro auszuharren, das war ihr Ding. Wenn sie reiste, fühlte sie sich mit ihrer Jugend verbunden, die sie eng umschlungen hielt. Und sie spürte die Nähe zum Vater, von dem Georgette immer entfernt gewesen war, selbst wenn sie mit ihm Zeit hatte verbringen können.


«Ich habe einen Wochenplan erstellt», verkündete meine gute Freundin voller Stolz. Ich hatte sie gefragt, wie sie einen Hund in ihr Leben integrieren wolle. Sie klappte den Computer auf und zeigte mir ihren Kalender. Die Felder waren bunt, jeder Lebensbereich hatte eine eigene Farbe. Mir flimmerten die Augen ob dem Kaleidoskop auf dem Bildschirm. Wie anstrengend musste es sein, das eigene Leben in eine Unzahl von Kästchen zu unterteilen. Und wie beengend, auf dieses Leben zu blicken. Hatte überhaupt noch ein Leben Platz zwischen den vielen Feldern? Ich behielt die Frage für mich. Meine gute Freundin strahlte vor Glückseligkeit. Die Frage wäre ihr mit Garantie in den falschen Hals geraten. Also formulierte ich meine Bedenken um. Ich erklärte Georgette, mir ein Leben mit einem Hund nicht vorstellen zu können. Ihre Antwort fiel weniger zurückhaltend aus: «Darum bleibt dein Leben unausgefüllt.»


Ich ahnte, was kommen würde. Georgette schweifte aus in psychologische Deutungen. Der Umgang mit Tieren wirke beruhigend, förderte die Achtsamkeit und einen entspannten Blick auf die Umwelt. «Es gibt Studien, die zeigen, dass Menschen, die einen Hund haben, weniger gestresst sind.»


Ich überlegte kurz, ob das Chamäleon, das ich als Jugendlicher gehalten hatte, mir in irgendeiner Form die Augen für die Schönheit der Schöpfung geöffnet hatte. Ich konnte mich nicht erinnern. Mir kam in den Sinn, wie ich jeweils vor dem Terrarium gesessen und der Echse beim Fressen zugeschaut hatte. Sie sass regungslos auf einem Ast, während ihre Augen vigilant einem fetten Käfer folgten, der behäbig das Glas der Vitrine hochkrabbelte. Aus dem Nichts schnellte die Zunge des Chamäleons an die Scheibe und schnappte sich den Käfer. Ich war fasziniert von der Geduld und der Präzision, mit denen es seine Beute fing und wie es hernach wieder in seine Lethargie versank. Ich wollte keinen Streit mit meiner Freundin. Also überliess ich sie dem unerschütterlichen Glauben an eine ausgefüllte Zukunft mit einem Hund und dem elektronischen Terminplaner.


Magnifique. Der Name war Programm, eine unmissverständliche Botschaft. Freudestrahlend stellte Georgette mir den Pinscher vor. Nach wenigen Minuten realisierte ich, dass es eigentlich umgekehrt war. Georgette stellte mich ihrem Welpen vor. Er war wichtiger als ich, ihr guter Freund, der ich immer gewesen zu sein glaubte. Magnifique mochte herzig sein, ein hellbraunes Knäuel mit grossen dunklen Augen und noch grösseren weissen Pfoten. Aber zum Knuddeln fand ich ihn nicht. Er war und blieb ein Hund, der seine Schnauze in jeden Dreck steckte und danach am nächsten Hosenbein abstrich. Der seine Umgebung duschte, wenn er sein nasses Fell schüttelte und, solange er feucht war, stank wie ein ausgewrungener Bodenlappen.


Ich spürte, wie die Eifersucht mein Rückenmark hochkroch. Ich fürchtete, Georgette zu verlieren. An einen Vierbeiner! Ich musste mich zusammennehmen, um nicht sauer auf mich zu werden. Sollte sie doch schauen, wie sie das Leben um den Hund herum organisierte, ihren bunt gescheckten Kästchen im Computer nachhetzte, um die Zeit, die sie für sich nutzen könnte, mit Magnifique Gassi gehen zu müssen – notabene bei jedem Hundewetter.


Fast einen Monat lang hörte ich nichts von Georgette. Ich weigerte mich, mir vorzustellen, wie sie mit dem Hund zurechtkam. Mein Herz jedoch machte nicht mit. Ich fühlte mich noch immer mit ihr verbunden. Die Fragen und Gedanken schlichen sich in meinen Kopf. Ich werweisste, ob ich mich erkundigen sollte, wie es ihr ging. Die Ungewissheit hielt mich nicht lange umklammert. Eines Abends klingelte es, und Georgette stand vor der Türe. Sie brauchte nichts zu sagen. Ich wusste, was los war.


Bei einem doppelten Cognac berichtete sie mir heulend, was vorgefallen war. Der Hundekalender hatte funktioniert wie eine handgefertigte Neuenburger Pendule. Bis die Dogsitterin krank geworden war. Meine gute Freundin musste eiligst die Kästchen herumschieben und die Farben durcheinanderwirbeln. Es nutzte nichts. Die Lücken in der Betreuung blieben. Georgette hatte keine Wahl. Sie musste Magnifique alleine zu Hause lassen. Es waren nur ein paar Stunden, doch sie reichten dem Hund, um Georgettes Leben aus den Angeln zu heben.


Bei ihrer Rückkehr sah die Wohnung aus, als sei ein Tornado durch sie hindurchgefegt. Die Spur der Verwüstung zog sich durch alle Räume. Der Garderobenständer lag quer hinter der Eingangstüre, und die Fäden der Wolljacke, die daran gehangen hatte, waren überall im Flur verstreut. Die beiden angebrochenen Weinflaschen in der Küche waren in eine Vielzahl von Glasscherben und eine rote Lache verwandelt. Von der Zweierreihe an Schuhen, die auf einem flachen Gestell im Schlafzimmer auf ihren Einsatz gewartet hatten, war nichts übrig geblieben. Die Schuhe lagen, teilweise zerbissen und mit abgerissenen Absätzen, überall in der Wohnung herum. Eine Pfütze, die sich um die kniehohe Engelstatue im Wohnzimmer gebildet hatte, war das Zeichen dafür, dass Magnifique mal raus hätte müssen. Er selber lag zusammengerollt und winselnd auf Georgettes Kopfkissen. Wie sie bald herausfand, hatte er Mottenkugeln gefressen. Meine Freundin hatte sie gegen den Fussschweiss in ihre Schuhe gelegt.


Bevor ich sie trösten konnte, war Georgette auf eine andere Entlastung aus. «Ich habe morgen einen wichtigen Termin. Du würdest mir einen grossen Gefallen tun, wenn du Magnifique nehmen könntest.»


Ich täte vieles für meine gute Freundin, aber einen Hund hüten? Das ging nicht. Ich brauchte dringend eine Ausrede. Ich schwafelte etwas von einem Text, den ich unbedingt fertigstellen müsse. «Das kannst du auch bei mir zu Hause erledigen. Und wenn du in einer Pause mit Magnifique kurz spazieren gehst, ist alles wunderbar.»


Der Blick, mit dem Georgette mich bedachte, war treuer, als es Magnifique je hinkriegen würde. Ich konnte ihr den Wunsch nicht abschlagen. So sass ich am nächsten Morgen in Georgettes Arbeitszimmer, mit einem Hund, der bei der Türe hockte und mich skeptisch beäugte. Jedes Mal, wenn er den Raum verliess, ging ich ihm nach, um sicher zu sein, dass er nicht erneut die Wohnung verwüstete. Nach dem fünften Mal wurde es mir zu blöd. Ich konnte mich nicht konzentrieren, also packte ich die Leine, um Magnifique anzubinden. Er interpretierte den Handgriff anders, kam auf mich zugeschossen, stieg hoch und schleckte mir das Gesicht ab. Überrumpelt und angewidert wich ich zurück, verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken. Magnifique nahm meinen Sturz als Aufforderung zum Spielen und hopste auf mich.


Der Tag hatte mich geschlaucht. Irgendwann war ich auf dem Sofa eingenickt. Ich erwachte, als mich jemand anstupste. Georgette lachte glockenfroh und Magnifique hatte seinen Kopf auf meinen Bauch gelegt. «Ihr seid ja richtige Freunde geworden», erheiterte sich meine gute Freundin. Ich wusste nicht, wie ich es ansprechen sollte. Georgette würde mich bestimmt auslachen. Ich hatte mir nämlich überlegt, mit welcher Farbe sie meine Kästchen auf ihrem Hundekalender ausmalen könnte.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Interessant, wie sich Einstellungen durch Erfahrungen verändern. Stellt euch einmal vor, liebe Menschen, was passieren könnte, wenn ihr an den Platz des Hundes aus unserer Geschichte den grössten Deppen setzt, mit dem ihr es in eurem Alltag zu tun habt.