Wie eine Bloody Mary Kopfweh macht

Ich war vorzeitig. Wie immer am Dienstagmorgen. Ich liebte es, für mich alleine im Café schräg vis-à-vis dem alten Glockenturm zu sitzen, die Stimmung einzuatmen und das Geschehen im Lokal mich umwehen zu lassen. Die Zeit ging auf im Dunst von Kaffeeduft und dem Zischen und Dampfen der Brühmaschine. Die Schwerelosigkeit in dem Moment liess mich gemütlich im Tag ankommen. Sie öffnete den Geist und machte ihn empfänglich für das Leben in der Stadt.


Ich wusste, die ruhende Stimmung würde nur kurz anhalten. Georgette hatte die Angewohnheit, früher als verabredet zu erscheinen. Sie kam vom Markt, ich aus dem Bett. Sie trank eine Latte Macchiato, ich schlürfte einen doppelten Espresso. Dazu gab es dänischen Plunder für sie und ein Früchtebrötchen für mich. Jeden Dienstag aufs Neue.


Behrang gehörte zum Café, seit ich dort einkehrte. Vor einem Jahr war er zum Chef hinter dem Tresen befördert worden. Was mich nicht verwunderte, denn Behrang machte den besten Kaffee in der Stadt. Das lag nicht am Kaffee, den er verwendete, oder der Maschine, mit der er ihn zubereitete. Behrang liebte den Kaffee und er liebte seine Gäste. Diese Liebe gab er ihnen zu trinken. Sie floss aus seinen Händen. Die Liebe mahlte die schwitzenden, braunen Bohnen zu feinstem Pulver. Sie füllte damit den Kolben und schraubte ihn mit einem satten Drehgriff an der Maschine fest. Sie drückte auf den Knopf, die Maschine zischte und brummte, und aus den zwei Düsen floss in dünnen Strahlen der frische Kaffee in die Tasse. Aus einem Kännchen einen kräftigen Schluck warme Milch dazugeben und mit dem Löffel flink ein florales Motiv durch die Oberfläche ziehen – trinkbereit war der liebevolle Kaffee. Behrang lächelte in die Tasse, wissend, dass der Gast nach dem ersten Schluck das Lächeln erwidern würde.


Aber Behrangs Liebe ging noch weiter. Hinaus aus dem Lokal, bis zum Kiosk, der direkt vor dem Glockenturm stand. Es war die Kioskfrau, die die Liebe ebenfalls kosten durfte. Sobald kein Gast mehr auf seinen Kaffee wartete, stahl sich Behrang davon. Mit einem Becher Kaffee und einem Laugengipfel in der Hand. Die Frau genoss die Liebeserklärung, warf sie Behrang doch über die Auslage hinweg eine Kusshand zu. Warum er die Dame erfreute, blieb sein Geheimnis. Er sprach nicht darüber und ich fragte ihn nicht danach. Ich wollte es gar nicht wissen. Mir gefiel es, meine Phantasie nach den Gründen forschen zu lassen.


Was mich mehr beschäftigte, war, dass Behrang keinen Tag ausliess, um der Kioskfrau mit seiner Liebe zu begegnen. Kaffee im Becher und Laugengipfel. Tagein, tagaus. Wurde ihr das nie langweilig? Sehnte sie sich nicht nach Abwechslung? Es könnte doch auch mal ein Espresso und eine Cremeschnitte sein. Vielleicht traute sie sich nicht, den Wunsch nach etwas Neuem vorzubringen. Hatte sie Angst, Behrangs Liebe zu verlieren? Oder war sie sich alles so gewohnt, dass ihr gar nicht in den Sinn kam, etwas zu verändern? Mich schauderte bei dem Gedanken. Obwohl, ich sass ja auch jeden Dienstag hier und wartete auf meine gute Freundin.


Das war alles nur, weil Georgette es wollte. Und dass ich meinen doppelten Espresso immer erst bestellte, wenn sie eingetroffen war, beruhte nicht auf einer Gewohnheit. Vielmehr auf Anstand. Bisweilen fiel es mir allerdings schwer zu warten, wenn ich den Duft von frischem Kaffee in der Nase hatte. Ich schaute Behrang mit trockenem Gaumen zu, wie er Kaffee um Kaffee brühte. Die kurze Zeit, bis meine gute Freundin erschien, zog sich mit einem Mal quälend langsam dahin. Während ich sehnsüchtig auf sie wartete, regte ich mich auf, dass ich es nicht schaffte, aus meiner Gewohnheit auszubrechen.


Ich nahm mir vor, schnellstens etwas zu ändern. Kaum entschieden, kam Georgette um die Ecke. Sie zog ihren dunkelroten Einkaufswagen hinter sich her. Die Art, wie sie das tat, liess darauf schliessen, dass sie auf dem Markt tüchtig zugelangt hatte. Georgette begrüsste mich mit drei Wangenküsschen und setzte sich stöhnend auf die Bank. «Der Italiener in der Münstergasse hatte endlich wieder den süffigen Moscato. Ich habe gleich fünf Flaschen gekauft.»


Aha.


«Ich wäre besser direkt nach Hause gegangen.»


Das dachte ich mir auch. «Warum hast du es nicht getan?» fragte ich Georgette schliesslich.»


«Wir hatten auf einen Kaffee abgemacht.»


«Du hättest absagen können.»


«Das wollte ich nicht.»


«Warum denn nicht?»


«Weil wir uns doch nach jedem Markt treffen.»


Ich verwarf die Hände. «Höchste Zeit, etwas daran zu ändern.»


Georgette schaute mich an, als hätte ich gefragt, ob sie mit ihrem Make-up in eine Alice-Cooper-Show wolle. «Weshalb denn bloss?»


«Wir treffen uns immer am Dienstag, immer im gleichen Café, und wir trinken und essen immer das gleiche. Das ist doch so was von abgestanden.»


Ich redete mir die Enge, die sich in mir breitgemacht hatte, von der Seele. «Ich brauche dann und wann etwas Abwechslung. Sonst schnürt mich das Leben ein und ich kriege fast keine Luft mehr. Zu viele Menschen sind an der Routine schon erstickt.» Um die Not zu unterstreichen, verschränkte ich die Arme und richtete mich kerzengerade auf dem Stuhl auf.


Wieder glotzte mich Alice Cooper an, und meine gute Freundin wusste nichts mehr zu sagen. Was selten vorkam. Wir sassen einander schweigend gegenüber, bis Behrang uns erspähte und zu uns eilte. Er hatte uns kaum begrüsst, da fand Georgette ihre Sprache wieder. «Wir nehmen eine Latte Macchiato und einen Plunder und einen doppelten Espresso und…»


«Nein! Ich will eine Bloody Mary. Und einen Rollmops.»


Während Georgette der Mund offen blieb, gab sich Behrang unbeeindruckt. «Gerne mal etwas anderes als Kaffee, aber Rollmöpse kann ich dir keine bieten.»


Insgeheim war ich froh, denn ich hasse Rollmöpse. Von der Bloody Mary bekam ich die Kopfschmerzen, die sie eigentlich vertreiben sollte. Ich liess mir nichts anmerken, und Georgette genoss ihren Plunder wie immer. Doch meiner guten Freundin war die Verunsicherung ins Gesicht geschrieben. Kurze Zeit später wollte ich sie zum Abschied vor dem Café mit den drei Wangenküsschen zurücklassen. Georgette aber dachte nicht daran, mich ziehen zu lassen. «Es ist höchste Zeit, etwas an unserem Heimweg zu ändern.»


Ich schaute meine gute Freundin in freudiger Erwartung an. Fünf Minuten später marschierte ich ihr nach durch die Altstadt, den Einkaufswagen hinter mir herziehend. Ich bereute es, dass ich bei Behrang nicht einfach einen doppelten Espresso bestellt hatte.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Wenn ihr eure Gewohnheiten ändert, stirbt nichts in euch, liebe Menschen. Durch Veränderungen lebt ihr auf. Und wenn es mal nicht so gut klappt, wird immerhin euer Alltag belebt.