Schäferstündchen mit Glas

Wir Schweizer sind ein ordentliches Volk. Wir trennen sorgsam unseren Abfall und sortieren alles aus, was sich wiederverwerten lässt. Das schont die Rohstoffe, entlastet die Welt und beruhigt unser Gewissen. Wir sammeln Altglas, Altpapier, ausgelutschte Batterien, ausgetrunkene PET-Flaschen, zerknüllte Alufolien. Nichts, was wir tun, erfolgt leichtfertig und unbedacht. Wenn wir etwas machen, dann gründlich. So auch beim Wiederverwerten. Hunderttausende Tonnen leeres Glas und über eine Million Tonnen gelesenes Papier tragen wir jedes Jahr zusammen. Alleine das Papier bringt das Gewicht von zweitausendfünfhundert Dampfschiffen, wie sie auf dem Vierwaldstättersee herumfahren, auf die Waage.

Beeindruckend, nicht? Niemand auf der Welt ist besser als wir, wenn es ums Rezyklieren geht. Darauf bilden wir uns etwas ein. Denn wir können uns nicht wie andere Länder mit den Leistungen unserer Fussball-Nati brüsten. Wer einmal ganz oben ist, steigt nicht gerne ab. Also strengen wir uns an, damit wir auf dem Recycling-Olymp verbleiben. Das ist für uns Schweizer Ehrensache und Ausdruck einer heimlichen gesellschaftlichen Absprache. Abbild dieses Bundes der Willigen sind verschiedene Behältnisse für verschiedene Materialien in fast jedem Haushalt. Eine Papiertasche für das Glas, ein Bastkorb für das Papier, ein Plastiksäckchen für die Batterien.

Ich bin zwar ein pflichtbewusster Bürger, aber das mit den unterschiedlichen Taschen und Tüten ist mir dann doch etwas haarklein. So schweizerisch mag ich nicht sein. Ich stopfe meine Flaschen, Büchsen und Prospekte in die Kommissionstasche und mache, wenn ich einkaufen gehe, einen Umweg über die Sammelstelle im Quartier. Abgesehen davon, dass ich mich nicht mit Unmengen an Abfall auf einmal abschleppen muss, sieht niemand beim ersten Blick, wenn ich am Vorabend ein Saufgelage gehabt habe.

Vor einer Woche schlenderte ich zur Sammelstelle, die Einkaufstasche geschultert. Auf halbem Weg überholte mich eine junge Frau mit Kinderwagen, die am Lenker beidseitig Plastiksäcke gefüllt mit leeren Glas- und Kunststoffflaschen angehängt hatte. So wie sie rannte, fürchtete ich, hinter ihr fortwährend herausgefallene Flaschen auflesen zu müssen. Und wenn es richtig dick käme, auch noch das Kind auf dem Trottoir liegend aufzufinden.

Der ältere Mann, der auf dem Rad an mir vorbeifuhr, machte mir nicht weniger Sorgen. Auf dem Gepäckträger hatte er zwei Papiertaschen und eine schmale Kartonschachtel eingespannt, in die sein Leergut aufgeteilt war. Um zu verhindern, dass die Ladung ausbrach und sich auf der Strasse verteilte, sicherte er sie mit der einen Hand, während die andere am Lenker blieb. Durch die Verlagerung des Schwerpunktes schwankte er hin und her, als hätte ihm jemand mit unsichtbaren Flaschen einen Slalomkurs auf die Strasse gestellt.

Schon von weitem erkannte ich, dass bei der Sammelstelle etwas nicht stimmte. Die zwei Reihen an Stahlbehältern waren abgesperrt. Mit einem rot-weissen Gummiband. Mir schoss das Kind durch den Kopf. Als ich näherkam und den ganzen Platz überblicken konnte, war ich beruhigt. Da war ein Lastwagen mit langgezogener Ladefläche abgestellt. Am vorderen Ende stand der Chauffeur. Mit einer Fernsteuerung, die er vor seinem Bauch trug, dirigierte er den Greifarm des Fahrzeugs. Obwohl er nicht den Eindruck machte, als wäre es sein erstes Mal, kam der Mann nicht voran mit der Arbeit.

Wie in Zeitlupe umkreiste der Greifer den vorstehenden Bolzen, ehe er zuschnappte und den Metallbehälter zu heben begann. Mit diesem hob sich auch der Boden, und ihm folgte ein hochgestellter Container. Der Vorgang wirkte auf mich, wie wenn sich ein Schacht zur Hölle auftun würde. Ich wartete darauf, dass donnernde Feuerstösse aus dem Erdinnern an die Luft schossen und die Spitze von Luzifers Dreizack darin mittanzen würde.

Nichts von alledem geschah. Die Blechkiste stieg weiter in die Höhe und bewegte sich langsam über die Ladefläche des Lasters. Mit einem ächzenden Geräusch klappte der Boden des Containers nach unten und eine Papierflut ergoss sich in den Bauch des Fahrzeugs. Der melassierte Ablauf wiederholte sich mehrfach. Was mich ebenso fasziniert wie vergnügt zuschauen liess, machte andere Leute rundherum zappelig.

Eine Dame im Rentenalter hatte schon bald genug von dem trägen Schauspiel. «Ich habe Gescheiteres zu tun, als Maulaffen feilzuhalten. Wäre ich heute in der Yogastunde gewesen, hätte ich vielleicht die Geduld zu warten.» Sie lächelte mich an, packte ihre vor Zeitungen überquellende Papiertasche und trippelte davon. Die Jugendliche neben mir in zerschlissenen Jeans, bauchfreiem Oberteil und dem ausgebleichten Trenchcoat zog angestrengt an ihrer Zigarette und blies mir den Rauch ins Gesicht. Was ich nicht ausstehen kann.

Ich trat zur Seite und fand mich neben der Frau mit dem Kinderwagen wieder. Mit der einen Hand schaukelte sie das Kind, die andere hielt das Telefon mit ihrer Mutter am Ohr. Die junge Frau erzählte ihr, und nebenbei auch mir, dass der Kleine seit Tagen an Bauchkrämpfen leide. «Ich bin Tag und Nacht daran, ihn zu beruhigen, komme kaum noch zur Ruhe. Und wenn er mal schläft, will bestimmt Marcel Sex haben. Manchmal zweimal in einer Nacht.»

Ihr Blick traf auf meinen, und obwohl ich nicht Marcel heisse, hatte ich den Eindruck, sie fühle sich von mir angemacht. Beschämt wandte ich mich ab. Der Fahrer hatte unterdessen den letzten Höllenschacht zugesperrt und in der Erde versenkt. Das war für den Mann, der sein Sammelgut mit dem Velo hergefahren hatte, das Signal. Er packte seine Taschen und die Schachtel, stieg über das Absperrband. Der Chauffeur blieb unbeirrt, fuhr das Metallgestänge ein und versorgte die Fernbedienung in der Führerkabine.

Gerade, als er das Gummi entfernen wollte, versuchte die Jugendliche, ebenfalls darüber zu klettern. Sie blieb mit dem linken Bein hängen und klatschte auf den Asphalt. Eine Armada von Energydrinkbüchsen rollte über den Platz. Zwei von ihnen gerieten unter die Schuhe des Mannes mit dem Fahrrad. Er verlor das Gleichgewicht und fiel auf die Knie. Wutentbrannt fluchte er die junge Frau an, die ihrerseits den Chauffeur beschimpfte, der wiederum alle beide anschrie.

Als ihnen die wüsten Worte ausgegangen waren und das Trio die Bühne geräumt hatte, wagte ich es, mich von meinem Glas und Papier zu befreien. Bevor ich das Papier auf die Reise durch den eisernen Schlund schicken konnte, tippte mir jemand auf die Schulter. «He, ich war zuerst da!»

Es war die Frau mit dem Kinderwagen. «In der Migros stehen Sie doch wie die anderen Kunden auch vor der Kasse an. Warum drängeln Sie sich hier vor?»

Tat ich doch gar nicht.

«Ich finde das mega frech von Ihnen.»

Ich überlegte, ob ich wirklich unverschämt werden sollte. Dann würde ich sie fragen, ob sie so pressiert sei, weil sie nachher ein Schäferstündchen mit Marcel habe.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Schön, liebe Menschen, wenn ihr Ordnung halten und schonend mit den Ressourcen dieser Welt umgehen wollt. Die wichtigste Ressource seid ihr Menschen selbst. Wäre da nicht ein ordentlicher Umgang untereinander angezeigt?

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