Immer schön anständig bleiben


Der Tag hatte schlecht begonnen. Um Viertel vor sieben hätte der Wecker klingen sollen. Doch er blieb stumm. Es war spät geworden am Abend zuvor. Mein Kumpan Lorenzo und ich waren in unserer Stammbeiz hängengeblieben. Sie offerierte nicht nur gutes Bier, sie hatte auch Charme. Es war der Charme des Echten, des Unverfälschten. Des Urtümlichen und Ewiggestrigen. Seit ich in der Kneipe verkehrte, und das waren viele Jahre, hatte sie noch nie eine Renovation erlebt. Ihr war zwar ein neuer Anstrich verpasst worden, das schon. Und eine neue, elektronische Kasse hatte es auch gegeben. Ansonsten aber hatte sich nichts verändert.

Es schien, als wäre die Zeit stehen geblieben. Was gar nicht stimmte. Denn eigentlich lief sie rückwärts. Die Ziffern der Uhr an der Mauer oberhalb der getäfelten Wand waren seitenverkehrt. Anstatt nach links lief die Uhr rechtsherum, was es dem ungeübten Betrachter schwer machte, die Zeit richtig abzulesen. Ach ja, neben der Kasse war vor Jahren noch etwas anderes ausgetauscht worden. Der Zapfhahn hatte dem Geschmack der Kundschaft genauer entsprechen müssen. Er umfasste jetzt vier Säulen, aus denen ein helles, ein dunkles, ein starkes und neuerdings auch ein alkoholfreies Bier eingeschenkt werden konnte.

Es gab immer etwas zu erleben in unserer Stammbeiz. Der Stadtrat mit dem Durst, der grösser ist als bei zwei Kamelen nach einer Woche Trekking quer durch die Sahara. Oder ein Paar mittleren Alters, das schweigend nebeneinander hockte und nacheinander je ein Schnitzwasser und einen Espresso trank. Während der eine vor Weinseligkeit in einem fort quasselte, hatten sich die beiden anderen längst nichts mehr zu sagen. Die Mitglieder einer Rocker-Gang, die am gleichen Tisch wie ein verloren in seinen Bierschaum starrenden Rentner mit Anzug und Krawatte eine heisse Schokolade schlürften. Sie waren der Beweis dafür, dass die Menschen noch immer gleichzeitig und nebeneinander unterschiedlicher Trinkkultur frönen konnten.

Es gab noch einen weiteren Grund, warum Lorenzo und ich uns gerne in der Kneipe trafen. Die Wirtin liess das ganze Jahr über Weihnachtsbier ausschenken. Irgendwann war Charlotte, so hiess die Dame, es leid, ihre Gäste jammern zu hören, dass das Bier nach den Festtagen und dem Jahreswechsel nicht mehr im Angebot war. Mit seinem malzig-süssen Geschmack war das Weihnachtsbier mitverantwortlich dafür, dass der kurzweilige Abend immer länger geworden war und erst nach der Polizeistunde geendet hatte.

Nachdem der Wecker meiner kurzen Nacht nicht vorzeitig ein Ende gemacht hatte, sass ich fünfundvierzig Minuten zu spät an der Haltestelle, unrasiert und übellaunig, und wartete auf den Bus. Er war überfällig. Ich fluchte. Meine geschäftliche Verabredung hatte bestimmt das Weite gesucht. Als er endlich kam, war der Bus stark gefüllt. Den einzigen freien Sitzplatz machte ich im Fond des Wagens aus, vis-à-vis von zwei Mädchen. Wäre das eine nicht einen halben Kopf grösser gewesen als das andere, die beiden hätten Zwillinge sein können. Dass sie Schwestern waren, liess sich an ihrer Mimik ablesen. Sie machten ein Gesicht, als wären sie auf dem Weg zum Schafott und nicht in die Schule. Einverstanden: Es gibt Momente im Leben eines Kindes, wo es schwerfällt, darunter nicht das gleiche zu verstehen. Während das kleinere Mädchen einer Ministrantenkerze gleich auf dem Sitz hockte, hatte seine Schwester die Füsse auf dem Polster gegenüber abgestützt.

«Nimm die Füsse runter, ich will mich hinsetzen.» Meine Stimme tönte schroffer, als ich gewollt hatte. Es war mir egal. So etwas gehörte sich nicht! Wir hätten in dem Alter eine geknallt erhalten, wären wir in dieser Haltung von einem Erwachsenen erwischt worden. Wortlos liess das Mädchen seine Schuhe vom Sitz gleiten. Sein Ausdruck verdüsterte sich zur vollendeten Verdammnis. Ich konnte es nicht lassen: «Fändest du es nicht eine Sauerei, wenn du an meiner Stelle auf den dreckigen Platz sitzen müsstest?» Wieder Schweigen. «Wolltest du etwas sagen?» Kopfschütteln. Meine Lektion in manierlichem Verhalten zeigte Wirkung.

Wie erwartet hatte mein Gesprächspartner die Geduld verloren. Die drei leeren Kaffeetassen, die auf dem verlassenen Bistrotisch standen, zeugten davon, dass er mir eine Chance hatte geben wollen. Ich setzte mich und bestellte einen Latte Macchiato. Als die Kellnerin das Getränk brachte, fragte ich, ob sie mir etwas gegen meine Kopfschmerzen habe. Sie verneinte. «Ich soll Ihnen übrigens von dem Herrn, der auf Sie gewartet hat, ausrichten, dass es unanständig sei, jemanden ohne Nachricht sitzenzulassen.»

Scheisse. Verkatert und verärgert, wie ich war, hatte ich völlig vergessen, meinen Gesprächspartner über meine Verspätung zu informieren. Ob wir doch noch ins Geschäft kommen würden, wenn ich mich entschuldigte? Nachdem ich nur bis zu seinem Anrufbeantworter vorgedrungen war, hatte ich keine Lust, ins Büro zu gehen. Ich beschloss, mich um ein Geschenk für Georgette zu kümmern. Meine gute Freundin hatte übernächste Woche Geburtstag.

Da ich unschlüssig war, ob es etwas zum Anziehen, zum Ausziehen oder doch besser ein augenfälliges Tee-Service sein sollte, ging ich in das grösste Warenhaus der Stadt. In der Damenabteilung fand ich mich als Marsianer auf der Venus wieder. Als einziger Mann zwischen den Kleiderständern war ich gehemmt, getraute mich kaum, etwas anzufassen und es genauer in Augenschein zu nehmen. Was, wenn die Frauen in mir einen Fetischisten sahen? Oder gar einen Lüstling vermuteten, der danach gierte, sie in der Umkleidekabine zu betrachten?

Ich entschloss mich zur Flucht und drängte zwischen den Regalen und Frauen hindurch zum Ausgang. Plötzlich stand sie mir im Weg. Mit ihrer Körperfülle und den Plastiktaschen, die sie an der linken und der rechten Hand trug, forderte die betagte Frau mich förmlich dazu auf, Platz zu machen. Was ich nur halbwegs tat. Ich hatte keinen Bock, mich in den Vorhang aus Unterleiben hineinzuquetschen. Die Frau schaute mich verblüfft an, schrammte den Plastiksack an meinem Oberschenkel vorbei. Nachdem wir uns aneinander vorbeigedrückt hatten, liess sie jegliche Zurückhaltung fahren. «Sturer Bock!»

Ich mochte nicht zurückstehen: «Blöde Ziege!» Als ich über die Schulter retourschaute, sah ich, wie sie mir den Stinkefinger zeigte. Das Bild sah dermassen komisch aus, dass mein Groll verpuffte wie die abgesprengte Heliumhülle eines sterbenden Sterns, die ins All hinausspritzt. Die Leere wurde von meinem Lachen gefüllt, das durch die Weite des Warenhauses hallte.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Was ist Anstand? Ihr Menschen habt vielfältige Antworten darauf. Am präzisesten sind eure Vorstellungen aber, wenn ihr anderen erklären könnt, wie sie sich anständig benehmen sollen.


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