Wie ein saurer Apfel süss wird

Das Gefäss stand am Strassenrand, noch halb auf dem abfallenden Trottoir. Mit seiner tonbraunen Farbe und der leicht konischen Form sah es aus, als wäre ein Blumentopf mit einem Papierkorb gekreuzt worden. Wären darin nicht Äpfel gewesen, man hätte meinen können, das Gefäss sei vergessen gegangen. Von einem nachlässigen Gärtner oder einer abgelenkten Haushälterin. Bevor ich mich fragen konnte, was der Topf mit den Äpfeln da verloren hatte, lieferte mir ein Zettel die Antwort. Er war unter das Gefäss geklemmt. «Äpfel von unserem Baum zum Mitnehmen», las ich darauf. Eine wunderschöne Geste. Wem auch immer der Baum gehörte, sie liessen andere am Ertrag teilhaben.

Ob die Ernte üppig ausgefallen war? Dann war es sympathisch, die Äpfel unbekannten Menschen anzubieten, anstatt sie verfaulen zu lassen. Oder hatte der Baum dieses Jahr weniger Früchte getragen? Dann war die Bereitschaft, die Äpfel zu teilen, ein herziger Ausdruck von Altruismus. Oder steckte als ganz simples Motiv dahinter, dass die Leute die Äpfel gar nicht mochten? Dann war es immerhin nett, sie jemandem zur Verfügung zu stellen, der es zu schätzen wusste. Wobei, wenn ich die kleinen Früchte mit ihrer bleichen Farbe betrachtete, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie jemandem schmecken würden.

Sie riefen mir die Äpfel in Erinnerung, die an einem verkrüppelten Baum im Garten meiner Grossmutter gehangen hatten. Noch nach Jahrzehnten zog der Gedanke an ihren sauren Geschmack meinen Mund zusammen. Bis mich das Gefühl überkam, als Schrei aus Edvard Munchs berühmten Gemälde in die kontrahierte Wirklichkeit hinauszuglotzen. Aber was überlegte ich da? Nur weil mir die Früchte nicht behagten, verlor die Herzlichkeit in ihnen nichts von ihrer Wärme.

Was mir aber einen Schauer durch die Gedanken schickte, war der zweite Satz auf dem Zettel: «Bitte das Gefäss stehen lassen.»

Ich fasste es nicht. Konnte es tatsächlich sein, dass jemand sich nicht mit den Äpfeln begnügte, sondern gleich noch den Topf mitgehen liess? Die ausgestreckte Hand der Freundlichkeit packte und sie biss? Fest und hemmungslos? Ich fühlte mich elend. Als wäre ich es gewesen, der seine Zähne in die Hand gebohrt hätte. Die Äpfel trösteten mich. Sie flüsterten mir zu, ich solle mich nicht grämen. Enttäuschungen gehörten zum Leben.

Den Glauben an das Gute zurückgegeben hatte ihnen eine Strichzeichnung. Ein lachendes Gesicht am Ende des Satzes und unten am Zettel. Im selben Mass, wie es die Verlorenheit in der Botschaft bremste, beschleunigte das Gesicht meine Irritation. War ich Opfer einer List geworden? Vielleicht hatte das Gesicht einzig den Zweck, Langfinger abzuschrecken. Die Spender der Äpfel glaubten wohl, ein belustigendes Sujet wirke besser als der erhobene Zeigefinger.

Mir ging es wieder besser, ja ich musste über die Verschlagenheit grinsen. Wer besass ein so grosses Herz und eine noch grössere Schlauheit? Wie gerne hätte ich mit der Person einige Worte ausgetauscht. Ich schaute mich nach dem Apfelbaum um. Stattdessen erblickte ich einen Mann, der um die Strassenecke gebogen kam. Er hatte lange graue Haare, die zu einem Pferdeschweif gebunden waren. Seine Kleidung hatte etwas Angestaubtes. In der einen Hand trug er einen bunten Blumenstrauss, unter dem anderen Arm eine Flasche Rotwein. Die Fröhlichkeit, die er vor sich hertrug, frischte sein Aussehen auf, wie ein kühlender Sommerregen ein dürres Feld zum Blühen bringt. Zielstrebig hielt er auf das Gefäss zu, griff nach einem Apfel und biss herzhaft hinein. Ich musste ihn fragend angeschaut haben, denn er lächelte mich an. «Frau Gmünder ist ein Goldschatz. Jedes Jahr teilt sie ihre Äpfel mit den Leuten.»

Das war die Gelegenheit. Ich fragte den Unbekannten, ob er wisse, wo Frau Gmünder wohne. Überrascht, dass sich jemand dafür interessierte, hörte er auf zu kauen. «Keine Ahnung. Ich habe sie noch nie gesehen.»

So schnell gab ich nicht auf. Ich musste die Frage nach dem Zweck des Gesichts auf dem Zettel stellen. Der Mann hatte gerade einen weiteren grossen Bissen vom Apfel genommen und schüttelte den Kopf. «Sie werden lachen. Genau das gleiche habe ich mich auch gefragt, damals, als ich das erste Mal an dem Topf vorbeigekommen bin.»

Er nahm den abgegessenen Apfel und warf ihn in die Wiese auf der anderen Strassenseite. «Ich hatte so eine Freude daran, und die Früchte sind dermassen schmackhaft, dass ich die Frage bald vergass. Komisch nicht? Wenn uns etwas gefällt, vergessen wir gerne, was uns daran missfallen könnte. Aber so sind wir Menschen nun mal. Jemand hat die bösartig tönende These formuliert, dass das Fressen vor der Moral kommt.»

Der Mann bückte sich und holte einen zweiten Apfel aus dem Gefäss. «Sie sollten auch probieren. Saftig und knackig, säuerlich zwar, aber nicht zu sehr.»

Er biss wieder zu. «Frau Gmünder freut sich immer, wenn der Topf leer ist.»

Immer noch lächelnd, rückte er die Weinflasche unter dem Arm zurecht und verabschiedete sich. Ob seine Gedanken Frau Gmünder galten oder jener Person, die er besuchen wollte, konnte ich nicht ausmachen. Wie auch immer, in mir loderten die Flammen des Interesses für Frau Gmünder hoch. Einem Impuls folgend ging ich die Strasse entlang und hielt in den Gärten der Einfamilienhäuser Ausschau nach einem Apfelbaum und an den Briefkasten nach ihrem Namen. Ohne Erfolg. Ich machte dasselbe in den Querstrassen links und rechts. Das Ergebnis blieb das gleiche.

Eine leise Enttäuschung machte sich in mir breit. Gleichzeitig regte ich mich auf. Über mich selber. Wie konnte ich mich dermassen verlieren? In Überlegungen, die wohl niedlich waren, aber mehr noch verschroben. In einem Verhalten, das belustigend wirkte, und doch nichts anderes war als peinlich. Ich hatte mich so lange mit den Äpfeln, dem Gefäss, dem Zettel und Frau Gmünder beschäftigt, dass mir nun eine der Früchte zustand. Fand ich jedenfalls. Ich griff nach dem grössten Apfel in dem Gefäss und biss hinein. Er war saftig und knackig, säuerlich zwar, aber nicht zu sehr. Ich staunte. So hatte ich die Sorte nicht in Erinnerung. Lag es an mir oder hatte sich der Geschmack der Äpfel über die Jahre hinweg verändert?

Ich malte mit einem roten Filzschreiber, den ich in meiner Jackentasche fand, meinen Dank auf den Zettel. Direkt neben das lachende Gesicht. Es war ein Herz, von dem rundherum leuchtende Strahlen abgingen.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, sagt der Volksmund. Das ist schön. Noch schöner sind Geschenke, die unerwartet und von Unbekannten kommen. Nehmt es doch einfach an, liebe Menschen, anstatt lange zu überlegen, was dahinterstecken könnte.

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