Freie Liebe auf der Brücke


Ich war auf dem Heimweg. Er führte mich über die sechste von sieben Brücken in der Stadt, die die Aare queren. Links und rechts der Fahrbahn, die Autos, Busse und Trams für sich vereinnahmten, war für uns Fussgänger je ein Streifen offen. Zweimal knapp zwei Meter, abgetrennt durch eine kniehohe metallene Schiene. Ihr Charakter war weniger der eines Schutzwalles für die schwächsten Verkehrsteilnehmer. Sie hatte mehr von einer Leitplanke. Genauer betrachtet ging ihre Wirkung darüber hinaus. Der Effekt war begrenzend, einengend, jener einer Schranke. Ich blickte der Schiene entlang über die Brücke, und plötzlich hatte ich das Gefühl, wir Fussgänger würden in die Schranken gewiesen. Wie Kinder, die von ihrem Vater gemassregelt werden, weil sie im Übermut seine Schallplatten in Räder für ein imaginäres Auto umgenutzt haben.

Es war Samstag, der Weg über die Brücke wurde rege benutzt. Einige Meter vor mir ging ein altes Paar gemächlich, aber nicht langsam. Obschon meine Einkaufstasche gut gefüllt war und mein Gang etwas Schleppendes hatte, schloss ich im Nu zu den Beiden auf. Uns entgegen kam eine gemischte Gruppe. Junge und ältere Menschen, solche mit hiesigem Aussehen und solche mit fremdländischen Zügen. Ihrer Buntheit zum Trotz trugen sie eine einheitliche Leichtigkeit vor sich her, lachten frei von Bedrückung und bewegten sich mit einer Gelenkigkeit, die sie unmöglich mit Körperertüchtigungen hatten erwerben können. Kurz bevor die lockere Truppe uns erreichte, setzte ich an, die beiden Älteren zu überholen. Mit einer Reihe flinker Schritte würde ich an ihnen vorbeikommen und der Gruppe beschwingt ausweichen. Der Mann, der mich im Seitenblick wahrnahm, warnte seine Frau. «Barbara, pass auf!»

Barbara bezog den Hinweis auf die ihr entgegenkommende Gruppe und trat leicht zur Seite, wobei sie mir den Weg abschnitt. Ich musste abbremsen und hinter der Frau stehen bleiben, bis die Truppe an uns vorbeigezogen war. Dann holte ich erneut aus und ging wortlos an der Frau vorbei. Um besser voranzukommen, schulterte ich meine Tasche. Gerade, als ich meines Weges ziehen wollte, hörte ich, wie der Mann sich an seine Partnerin richtete und ihr mit vorwurfsvollem Ton erklärte, sein Hinweis habe mir gegolten.

Ich blieb stehen und wandte mich zu dem Paar um. «Manchmal geht es hier zu wie auf einer Autobahn, nicht wahr? Abstand halten, überholen und ja nicht unaufmerksam sein, sonst kracht es.» Ich lächelte die Beiden instinktiv an, ohne jedoch zu wissen, ob ich damit meinen Worten die Spitze nehmen oder sie als ironisch kennzeichnen wollte. Wie auch immer es meine Reaktion interpretierte, das Paar lächelte zurück. Nicht einfach nur freundlich, sondern offener. Irgendwie freundschaftlich.

Die Beiden kamen mir vor wie Touristen in einer Stadt am anderen Ende der Welt, die von Heimatgefühlen erfüllt werden, sobald sie jemand in ihrer Sprache anspricht. «Es ist kaum zu glauben, wie viele Leute täglich über die Brücke gehen», gab der Mann zurück. Dabei verströmte seine Stimme einen Hauch von Erschöpfung. Dann, von einer Sekunde zur nächsten, flackerte in seinen Augen der Wille zum Widerstreit auf. Es waren Flammen der Gegenwehr, die emporloderten. «Wissen Sie, eigentlich sollte für Fussgänger hier Einbahnverkehr gelten. Dann könnten wir viel entspannter über die Brücke laufen.»

Mit Kopfbewegungen, die seinen Kurzhaarschnitt einem Kamm gleich aufjucken liessen, ging der Mann seine Frau um Unterstützung an. Sie reagierte, ehe er mit der Bewegung fertig war. «Würden alle Leute Rücksicht nehmen, kämen wir gut aneinander vorbei. Leider hat es immer wieder Menschen, die nicht bereit sind, zur Seite zu gehen, wenn jemand entgegenkommt.» Sie hatten etwas Kauziges, wie sie mitten auf der Brücke für ihr Anliegen einstanden. Fehlte bloss noch, dass sie ein Transparent mit einem aufgemalten Einbahnzeichen in die Höhe hielten, um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen. So wie sie vermutlich vor fünfzig Jahren beseelt und enthemmt zugleich für die freie Liebe demonstriert hatten.

So sympathisch mir das Paar und sein Bedürfnis waren, so beengend fühlte sich die Vorstellung an, man würde mir vorschreiben, auf welcher Seite ich die Brücke zu queren hätte. Grauenhaft! Wie ein Magenbitter, den ich nach drei Gläsern erlesenen Champagners zu trinken gezwungen würde. Ich musste mich beherrschen, um nicht das Gesicht zu einer sauren Fratze zu verziehen. Ich teilte den Alten meine Empfindung mit. «Eigentlich finden wir eine solche Vorgabe auch nicht gut», entschuldigte sich der Mann und nahm sein freundschaftliches Lächeln zu Hilfe, um die Aussage zu unterstreichen. Worauf sich der Kamm auf seinem Kopf wieder glättete wie das Meer nach Ende der Flut.

Ich überlegte. Leichterdings hatten die Zwei nicht Zuflucht in den beschränkenden Gedanken gesucht. Sie mussten aufwallende Erlebnisse auf der Brücke gehabt haben. Waren sie von dreisten Rollbrettfahrern als lebende Slalomstangen missbraucht worden? Hatten Mütter mit Kinderwagen stur und ungebremst ihre Spur gehalten und das Paar an das Brückengeländer gedrückt? Waren die Beiden von Leuten, die in einer Aura der Hektik über die Brücke stürmten, gröblich angerempelt und weggefegt worden, als wären sie Kegel, die es aus der Bahn zu befördern galt?

Die Vorstellungen weckten Mitleid in mir. Ich fühlte mit ihnen, meinte, die Rempeleien und das Drängeln der Menschen am eigenen Körper zu spüren. Ich suchte angestrengt nach Worten des Mitgefühls. Als ich ansetzen wollte, blickte ich in zwei Gesichter, auf denen sich ein sattes Schmunzeln breitgemacht hatte. Sie sahen aus, als hätten sie meine Gedanken lesen können. «So wörtlich, wie Sie unsere Idee genommen haben, war sie dann doch nicht gemeint.» Die Frau entschuldigte sich mit einer Mimik, die Falten der Liebenswürdigkeit um Mund und Nase zauberten. «Alles, was wir wollen, ist die Passanten zum Nachdenken bringen. Je mehr Menschen sich bewusst werden, wie verrückt es wäre, eine solche Forderung umzusetzen, je weniger oft müssen wir sie anbringen.»

Der Mann klopfte mir kumpelhaft auf die Schulter. «Vielleicht halten Sie nicht so sehr die Idee, sondern uns für verrückt.» Er hielt inne, aber ich wusste, er war noch nicht fertig. «Wir haben beschlossen, dass wir uns nicht länger über Leute aufregen, sondern es mit den Menschen teilen. Das tut uns besser und den Anderen schadet es erst noch nicht.» Wiederum schien sich der Kamm auf seinem Kopf aufzustellen.

Dann hakte der Mann bei seiner Begleiterin unter, und das sonderbare Paar setzte gemessenen Schrittes den Weg über die Brücke fort. Sonderbar? Woher nahm ich das Recht zu diesem Urteil? War das Verhalten der Beiden nicht vielmehr Ausdruck einer sonderbaren Zeit? In der jemand Schutz in derartigen Überlegungen suchen muss? Ich schüttelte den Gedanken ab. Sonderbar, dass er mich dermassen beschäftigte . Als ich mich umdrehte, einen leichten Schritt seitwärts machte und weitergehen wollte, flitzte ein Skateboard an mir vorbei. Der wüste Blick traf mich mit voller Wucht. Für einen winzigen Augenblick. Mehr Zeit blieb dem Burschen nicht. Das Rollbrett war unter der Abschrankung durch und hielt ungebremst auf das näherkommende Tram zu.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Euch Menschen ist wichtig, dass Rücksicht genommen wird. Natürlich zuallererst auf euch selber. Nur vergesst ihr häufig, dass es jemanden braucht, der Rücksicht nimmt, damit auf jemand anders Rücksicht genommen werden kann.


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