Den Zorn der Götter geweckt

Es war ein Traum. Ein Traum des vollkommenen Einklangs mit mir selbst. Ich hatte den Nachmittag frei genommen und sass auf meinem Balkon. Die Herbstsonne schien mit einer Inbrunst vom azurblauen Himmel, als müsste sie um Nachsicht bitten, dass sie sich von Nebel und Wolken während mehr als einer Woche aus der Welt hatte drängen lassen. Wie wenn geheimnisvolle Götter ihre Gewalt demonstriert und uns Menschen gemahnt hätten, die Schönheiten eines von der Sonne erfüllten Tages wertzuschätzen. Ohne bei der ersten Wolke, die einen Fetzen über den Horizont hinausstreckt, Regen aufziehen zu sehen. Ohne zu lamentieren, dass der lichtdurchflutete Tag schon Bald durch pechschwarze Nacht abgelöst werden würde.


Ich hatte die Götter verstanden. Auf dem Tisch neben mir lag ein Buch, das ich unbedingt lesen wollte. Die Autobiographie des amerikanischen Country-Sängers Willie Nelson. 500 Seiten Musik, Marihuana, Rebellion, Rastlosigkeit, Musse und Menschlichkeit, Ehrgeiz und Eigensinn. Es zog meine Finger zu den Geschichten hin, doch die Augen wollten nicht folgen. Sie ruhten auf der Blutbuche, die rechterhand unseres Hauses stand. Der imposante Baum überragte die Gebäudezeile und verdeckte das Doppelhaus gänzlich, in dessen Garten er stand. Einzig zur Strasse hin war seiner Expansion Einhalt geboten worden. Vermutlich hatte die Stadtverwaltung seine Äste gestutzt, um den Wischequipen die Arbeit zu erleichtern.


Im schweren Licht des Herbstes glänzten die rostig gewordenen Blätter bronzen. Jedes Mal, wenn eine leise Brise über das Astwerk strich, segelte ermattetes Laub zu Boden. Da die Blätter von weit oben kamen, sah es aus, als ob am Himmel eine unsichtbare, elegante Hand Sternschnuppen hätte niedergehen lassen. Sie waren noch nicht verglüht, da schwirrte ein anderer Körper um mich herum. Eine vollgefressene Fliege, die wie ein ausser Kontrolle geratener Planet um eine Sonne raste. Wild fuchtelnd versuchte ich sie von ihrem Kurs abzubringen. Als ich selbst mit Hilfe von 500 Seiten Willie Nelson es nicht schaffte, das Biest aus der Umlaufbahn zu werfen, brauchte ich Beistand. Ich ging in die Küche und holte mir ein Bier aus dem Kühlschrank. Zurück auf dem Balkon, hatten die Sternschnuppen gerade Pause. Immerhin hatte sich auch die Fliege eine andere Sonne gesucht. Ich genoss mein Bier und wartete auf die Rückkehr des Windes.


Auf einmal fiel mir ein, dass Lorenzo noch eine Antwort von mir erwartete. Mein alter Kumpel hatte mich gefragt, ob ich ihm am Wochenende helfen würde, Brennholz aus dem Wald für sein Cheminee zu holen. Lorenzo findet wenig betulicher, als vor dem Feuer zu sitzen und eine kubanische Zigarre zu rauchen. Dagegen spricht eigentlich nichts, aber warum er zweieinhalb Ster Holz auf einmal bestellen musste, leuchtete mir nicht ein. Wir würden bestimmt einen halben Tag dafür brauchen und am Schluss passte nicht alles Holz in seinen Keller. Worauf Lorenzo einmal mehr die engen Platzverhältnisse verfluchen und ankündigen würde, bis im übernächsten Winter umgezogen zu sein. Ich überlegte, wo meine Überhose und die Bergschuhe waren. Und der Fuchsschwanz. Und ob Lorenzo Handschuhe für mich hatte oder ich erneut meine eigenen mitnehmen sollte.


Ich musste mir eine Notiz machen. Noch nicht fertig damit, bimmelte mein Mobiltelefon. Meine Yogalehrerin teilte mir per Kurznachricht mit, dass die Lektion am frühen Abend eine Stunde eher beginnen würde. Sie müsse anschliessend mit ihrem Beo zum Tierarzt. Ich sah mich schon auf der Turnmatte Übungen machen, während der Vogel die Kommandos der Lehrerin nachkrächzte und bei jeder zweiten Bewegung von uns Yogis das Geräusch einer knarrenden Hausdiele imitierte. Als ob das nicht genug wäre, musste ich mein Knuspermüsli, das mir die nötige Energie fürs Yoga geben würde, zu mir nehmen, noch bevor das Mittagessen richtig verdaut war.


Ich ging in die Küche, um die Zutaten bereitzustellen. Dabei stach mir der Kaktus neben dem Vorratsschrank ins Auge. Seit Wochen hatte ich ihn umtopfen wollen und war täglich an ihm vorbeigegangen. Da er sowieso frische Erde bekommen würde, hatte ich es nicht mehr für notwendig gehalten, ihn zu giessen. Er dankte mir meine Absicht, indem er dürre Arme bekommen hatte. Wenn mir bloss in den Sinn gekommen wäre, wohin ich die Erde verstaut hatte. Mir dämmerte, dass ich sie wohl mit dem Kaffeesatz verwechselt und auf den Kompost geleert hatte.


Es war Georgette, die mich von dort wegholte. Sie liess mein Telefon klingeln. «Was ist denn los?» begrüsste sie mich, nachdem ich in den Hörer gebellt hatte. «Du hörst dich an, als hätte dein Arzt dir auf Lebzeiten verboten Bier zu trinken.»


Ich entschuldigte mich für den Tonfall und jammerte über all das unerledigte Zeugs, das mich bekümmerte. «Da komme ich ja gerade richtig», frohlockte es aus dem Telefon. Meine gute Freundin hatte ihre Freundinnen für den Abend zu Portwein eingeladen. Wie immer, wenn sie das tat, gab es Tiramisu dazu. Und wie immer, wenn sie die Nachspeise zubereitete, machte Georgette eine extra grosse Portion, von der ein Stück für mich bestimmt war. «Ich bin eben fertig geworden. Komm doch vorbei, wir trinken einen Kaffee dazu.»


Reizend, wie sie an mich dachte. Als wäre ich der Erbonkel, den es mit süssen Verlockungen bei Laune und hohem Cholesterin zu halten gilt. Ich hätte sie abküssen können. Nur nicht heute. Ich hatte meinen freien Nachmittag, und er diente der seelischen Erlabung. Georgette aber liess sich nicht abspeisen. «Hör doch auf, den Asket zu spielen. Ein Teller Tiramisu nährt Körper und Geist.» Bevor ich Widerspruch einlegen konnte, hatte meine gute Freundin aufgelegt. Ich wusste nicht warum, aber sie hatte mich wieder mal rumgekriegt.


Die Götter jedoch waren ungnädig zu mir. Als ich wieder auf den Balkon trat, war die Sonne untergegangen. Der Regen der Sternschnuppen hatte aufgehört und die Bluteiche stand ergraut und erstarrt in der aufkommenden Dämmerung. Der frische, kühle Schaum auf meinem Bier hatte sich aufgelöst, an seiner Stelle trieb eine leblose Fliege im Glas. Willie hatte es nicht verhindert. Mir blieb nichts anderes übrig, als den Kopf zu schütteln. Und mich auf das Tiramisu zu freuen.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Nehmt ihr euch zwischendurch Zeit für euch selbst, liebe Menschen? Oft habt ihr Zeit, aber ihr wendet sie für alles erdenklich Mögliche auf, nur nicht für euch selbst. So nutzt ihr zwar die Zeit, aber nützen tut sie euch nicht.