Gummistiefel machen sexy

Der Blick nach draussen verhiess nichts Gutes. Die Stadt lag unter einer schweren, bleigrauen Decke. Sie drückte die Häuser zu Boden wie einen faltbaren Zylinder und liess die Bäume angstvoll ihre Kronen vor der düsteren Macht einziehen. Die Strassen waren leergefegt, obwohl das Herz des Tages längst zu schlagen angefangen hatte. Für einen Moment erlag ich dem Glauben, es sei Sonntag. Dafür gemacht, sich wieder ins Bett zu verkriechen und den Kampf des Tages von mir fernzuhalten. Die vergangene Nacht war kurz gewesen. Zu kurz. Mein alter Kumpel Lorenzo hatte mit mir in unserer Stammkneipe den Sieg seiner Mannschaft im Viertelfinal der Champions League begossen.


Mein Kopf brummte und die Augen versuchten das konturlose Grau zu durchschauen. Es dauerte eine Weile, dann sah ich sie undeutlich im fahlen Licht. Die Menschen, die abgebrannten Zündhölzern gleich umherschwirrten. Wie ausgesetzt wirkten sie, der Geborgenheit nachhetzend, die sie verloren hatten, im Moment, als sie ihre Häuser verliessen. Mich schauderte. Bald würde ich ebenfalls eines dieser Zündhölzchen sein, verloren in der unendlichen Weite der ermatteten Träume.


Ich brauchte einen kräftigen Kaffee. Mindestens einen doppelten Espresso. Ich musste meine Gedanken ordnen, herausfinden, welchen Tag wir hatten und warum ich am Fenster stand und mich selbst bemitleidete. Nach drei Schlucken dämmerte mir, dass Donnerstag war. Ein weiterer Schluck später erinnerte ich mich, dass ich mit einem Wildhüter abgemacht hatte. Er wollte mir sein Revier zeigen und Begegnungen mit Hirschen und Wieseln, Habichten und Wildschweinen möglich machen. Ich sollte im Gegenzug einen Artikel für ein Online-Magazin schreiben und ein wenig für seinen Beruf werben.


Ich musste wohl den Verstand verloren haben, damals, als ich zusagte. Vielleicht war er mir erst gestern Abend abhanden gekommen. Es war idiotisch, die Schuld bei dem zu suchen, was mich heute Morgen erwartete, nur um nicht zugeben zu müssen, dass es idiotisch war, sich wegen eines Fussballklubs volllaufen zu lassen. Immerhin eine Einsicht, die mir mit dem Kaffee zugeflossen war. Was er mir nicht einflösste, war, wo sich meine Gummistiefel befanden. In der Wohnung waren sie nicht auffindbar, weder zuunterst im Schuhschaft noch hinter den Nachfüllpackungen für Waschmittel in der Putzkammer. Blieb nur der Keller. Was bedeutete, dass ich zu spät kommen würde.


Warum? Sie haben meinen Keller noch nie gesehen. Mit seinem schmalen Grundriss ist er eingeklemmt zwischen dem Treppenabgang und der Waschküche. Bevor ich eintreten kann, muss ich zwei Fahrräder aus dem Weg räumen und die zusammengefalteten Kartonschachteln vom Boden auflesen. Dann die beiden Bierharassen beiseite schieben, über den Brennholzstapel steigen und den Zehn-Kilo-Sack Blähton für meine Palme wegziehen. Anschliessend vermag ich über zwei mittelgrosse Rollkoffer hinweg nach den schwarzen Abfallsäcken zu greifen. Darin befinden sich die Schuhe, die ich höchstens einmal im Jahr brauche. Die Frage war bloss, in welchem die Stiefel steckten. Bevor ich an die Antwort kommen konnte, brauchte ich einen weiteren Kaffee.


Ich war noch nicht die halbe Strassenlänge weit gekommen und bereute schon, dass ich die Stiefel in den Rucksack gepackt hatte. Es regnete, als ob der Himmel sich selbst auswaschen wollte. Wie läppisch, die Stiefel nicht gleich angezogen zu haben, nur um im Tram nicht komisch auszusehen. Als ich einstieg, sah ich drei Sitzreihen vor mir zwei junge Frauen. Sie waren angezogen, als hätten sie auf einem norwegischen Fischkutter angeheuert. Ihre Füsse steckten in – Gummistiefeln. In bunten Gummistiefeln! Während ich schlammgrüne hatte, waren die einen knallgelb und schwarz gestreift und leuchteten die anderen rosarot und trugen silberne Sterne.


Waren Gummistiefel sexy geworden und ich hatte es nicht mitbekommen? Ich war nahe dran, loszulachen. Was mich davon abhielt? Ich wusste es nicht. Vielleicht regte ich mich über mich selbst auf. Vielleicht aber hatte ich ähnlich einem Chamäleon die im Tram herrschende Stimmung angenommen. Es kam mir vor, als habe ein grauer Schleier das Wagendach durchdrungen und die Gemüter der Menschen eingenommen. Er hielt die Gedanken umschlungen. Sanft strich er an ihnen vorbei, schmuste zaghaft mit ihnen, bis sie sich ergaben und er sie besetzen konnte. Dumpf blickte sein Antlitz aus den Gesichtern und trübte die Sicht durch die Fenster auf die Stadt. Wir waren wie eine kollektive Trauergemeinde, die auf der Fahrt zur eigenen Abdankung war. Graunvoll!


Ich stand wie meistens zwischen zwei Wagen, angelehnt an eine der Metallstangen, die beidseits des Faltbelags angebracht waren. Als wir über die Brücke fuhren und die Häuser der Altstadt und das Münster unter dem Grau noch näher zusammenrückten, hatte der Wind begonnen, die schwere Decke am Himmel zu jagen. Obgleich er sich kräftig ins Zeug legte, war der Erfolg bescheiden. Der Tag hatte es aufgegeben, angenehm sein zu wollen.


Eine sonore Stimme holte mich in das Tram zurück. «Schönen guten Morgen, liebe Fahrgäste.»


Ich stöhnte innerlich auf. Wenn sich der Chauffeur per Lautsprecher meldete, bedeutete das eine schlechte Nachricht. Ich hörte ihn schon sagen, dass die Fahrt an der nächsten Haltestelle enden werde, weil die Strecke durch ein steckengebliebenes Tram blockiert sei.


«Schauen Sie mal nach links aus dem Fenster. Es stürmt und hudelt, aber hier im Tram ist es trocken und warm. Geniessen Sie Ihre Fahrt mit uns.»


Der Mann hatte mich am Haken. Mit seiner freundschaftlichen Stimme holte er die Angelschnur ein. «Nun wünsche ich Ihnen einen guten Start in den Rest der Woche, ohne Stress und ohne Ärger.»


Der Schleier fiel von mir ab, und zum Vorschein kam ein spontanes Lächeln. Eine ältere Dame liess sich anstecken, und sie infizierte einen Mann in Anzug und mit Aktenkoffer. Die restlichen Passagiere waren resistent gegen den Charmeausbruch des Chauffeurs. Auch die zwei Girls in den bunten Stiefeln klebten mit angestrengten Mienen an ihren Smartphones. Ich gab mir einen Schubs und setzte mich hin. Aus dem Rucksack holte ich die Gummistiefel und schlüpfte hinein. Mein Lächeln wurde breiter. Der Gang durch das Waldrevier würde mir grosses Vergnügen bereiten.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Es kann nicht jeder Tag schön und mit Sonnenschein erfüllt sein. Ihr habt es in eurer Hand, liebe Menschen, die Welt aus eurem Inneren heraus erstrahlen zu lassen. Alles, was es braucht, ist ein nettes Wort, eine Aufmunterung oder eine Prise feinen Humors.