Von Junioren, die Senioren sein wollen



Manchmal, liebe Menschen, habt ihr eigentümliche Eigenheiten. Eure Gesellschaft wird immer älter, die Zahl der Seniorinnen und Senioren steigt und steigt. Die meisten der Älteren sind fidel, munter und unternehmungslustig. Sie wollen noch etwas haben vom Leben, es geniessen und auch mal auf den Putz hauen. Es scheint, als müssten sie nachholen, was ihnen in den Jahren an der Werkbank, am Schreibtisch oder im Haushalt durch die Lappen gegangen ist. Sie gemahnen mehr an Junioren als an Senioren.


Umgekehrt ist es mit den Jungen. Von der Schulbank springen sie hinein in die Arbeitswelt, als wärs ein Planschbecken und nicht ein Schwimmbad mit hohem Wasserstand. Der Tatendrang, mit dem sie von den Zehenspitzen bis unter die Schädeldecke erfüllt sind, bewahrt sie davor unterzugehen. Sie lernen schwimmen und bald durchpflügen sie das Bassin wie ausgewachsene Tümmler. Sie verschaffen sich Achtung und Aufmerksamkeit, kommen in neue Funktionen, erhalten mehr Aufgaben. Und sie dürfen den Titel Junior ihrer Berufsbezeichnung voranstellen.

Was treffend wäre für ihre Lebenslage, ist ihnen nicht genug. Sie wollen zu den Älteren gehören, und zwar subito. Das verspricht mehr Ansehen. Also strampeln sie so lange im Bassin umher, bis ihnen noch mehr Aufgaben zugemutet werden. Jung an Jahren können sie sich den Bejahrten zugehörig fühlen. Und – noch wichtiger – sie dürfen sich Senioren ihres Fachs nennen. Wenn ich einen Blick ins Internet tue, wimmelt es überall von Senior Beratern, Senior Analystinnen, Senior Projektleitenden. Verkehrte Welt: Senioren, die sich als Junioren fühlen, Junioren, die lange bevor sie es sind, Senioren sein wollen. Menschenskind! Versteht das jemand? Ich jedenfalls nicht.

Euer verwirrter Köbi