Idioten und was es alles zu lesen gibt


Der kleine Park lag direkt neben dem Fluss. Auf einer schmalen Betonplatte ruhend, wurde der Boden von massigen Holzschwellen zusammengehalten, und über allem war ein Kiesteppich ausgebreitet. Die Steinchen allerdings waren so sparsam aufgetragen, dass bestenfalls von einem ausgefransten, flachen Läufer anstatt einem Hochflorteppich hätte gesprochen werden können.

An den unbedeckten Stellen hatten sich Pionierpflanzen breitgemacht, und die Flecken voller Moos am hinteren Ende waren ein deutliches Signal, dass dort selten einmal ein Sonnenstrahl hinkam. Entlang der zum Fluss hin gelegenen Seite waren vier Sitzbänke aufgereiht. Die dunkelgrüne Farbe der Holzlatten und das Stadtwappen mitten auf der Rückenlehne liessen unschwer erkennen, wer die Besucher zum Verweilen einlud.

Ich nahm das Angebot der Stadt dankbar an. Es war ein schwebender Tag, getragen von der goldig scheinenden Sonne, die hoch am samtweichen Himmel stand. Ich hatte den Nachmittag frei genommen und war auf der Suche nach einem ruhigen Ort, wo ich ungestört Zeitung lesen wollte. Ausgiebig, wie ich es in letzter Zeit viel zu selten getan hatte. Die beiden Bänke rechts waren besetzt und derjenige ganz links war mit Vogelkot übersät. Also nahm ich auf der sauberen, noch freien Bank Platz.

Ich holte die zusammengerollte Zeitung aus der Innentasche meiner Jacke und begann sie zu entfalten. Das Rascheln des Papiers weckte die Aufmerksamkeit des Mannes, der sich auf der Bank nebenan niedergelassen hatte. Er war in ein Buch vertieft gewesen. Nun schaute er mir zu, wie ich umständlich versuchte, das hauchdünne Papier einer Doppelseite im aufgekommenen Wind zu bändigen.

Das Amüsement über meine wilden Bewegungen stand ihm ins Gesicht geschrieben, doch er verkniff sich jegliche Bemerkung. Er selber hatte es einfacher. Seine Lektüre mass weniger als ein A4-Blatt und war nicht zu dick, um mit einer Hand gehalten zu werden. Vielleicht sass er deswegen so entspannt da, die Beine übereinander geschlagen, den linken Ellbogen auf den Oberschenkel gestützt, das Buch locker in der Hand liegend. Oder lag es eher an dem, was er las?

Ich beschloss, mich endlich meiner Zeitung zu widmen. Sie informierte mich, über welche Themen im Bundeshaus aneinander vorbeigeredet wurde, wie die Gewinne der Weltkonzerne einmal mehr an den Wolken kratzten, aus welchen ausgenommenen Ländern Afrikas die Menschen verzweifelt dem Hunger oder Kriegen oder beidem gleichzeitig zu entkommen versuchten. Nach diesen Nachrichten brauchte ich eine Pause. Ich legte den Zeitungsbund zur Seite und sah, dass auch der Mann neben mir seine Lektüre unterbrochen hatte.

Das Buch lag mit dem Umschlag nach oben auf der Bank. Der Blick des Mannes ging über den dünnen Rand seiner Lesebrille hinaus aufs Wasser, seine Züge wiesen eine seltsame Mischung aus Entspannung und Nachdenklichkeit auf. Gemeinsam mit den schwungvoll gekrausten, graumelierten Haaren zeichneten sie das Profil eines Menschen, der dem Geist zugetan war, sich jedoch dem Zwang, ihm huldigen zu müssen, verweigerte.

Verstohlen schielte ich nach dem Namen des Buches. «Der Idiot», stand in schlanken, länglichen Grossbuchstaben geschrieben. Mir gefiel der Titel. Er klang nach lockerer Lebenshilfeliteratur, vielleicht einer augenzwinkernden Annäherung an den Menschen in der digitalisierten Welt von heute. Oder es ging um den desorientierten Mann in einer Gesellschaft, deren Normen immer mehr verschwammen und sich auflösten.

Das Rätselhafte war, dass mein Eindruck von dem Buch nicht zum Ausdruck seines Lesers passte. Von der Neugier getrieben, sollte ich später zu Hause mithilfe von Google herausfinden, dass «Der Idiot» ein bedeutendes Werk des russischen Schriftstellers Dostojewski über die Gesellschaft Mitte des 19. Jahrhunderts war. Ich nahm zufrieden zur Kenntnis, dass ich mich in dem Mann nicht verschätzt hatte.

Ich beendete meine Unterbrechung und machte mich an den Lokalteil der Zeitung. Er weihte mich ein in den Streit zwischen der Gewerbepolizei und einem Beizer in der Altstadt. Der Zwist drehte sich um Auflagen und Gebühren für drei Bistrotische, die der Restaurateur im Sommer auf dem Trottoir vor seinem Lokal hinstellen wollte. Oder in die Gefühlslage des Intendanten der Schaubühne. Ihm ging auf den Sack, dass der Präsident dauernd in die Auswahl des Programms dreinredete. Mir dröhnte der Kopf, ich brauchte Abstand von dem Gestürm, das man in der Druckerschwärze vor mir ausbreitete.

Als ich die Zeitung weglegte und nach rechts blickte, war das Buch zugeklappt und lag auf dem Schoss des Mannes. Er hatte die Augen geschlossen, sein Atem ging ruhig und lautlos. Gerade, als ich wegschauen wollte, schlug er die Augen auf. Unsere Blicke trafen sich. Ich lächelte dem Mann zu und aus der Verlegenheit des Moments heraus sprach ich ihn an. «Lesen kann manchmal anstrengend sein.»

Er lächelte milde zurück. «Ich geniesse es, die Kapitel auf mich wirken zu lassen.» Sein Lächeln wurde offener. «Ich kann den Inhalt an unserer Realität spiegeln. Dann wird mir immer wieder bewusst, dass sich unsere Gesellschaft kaum bewegt hat.»

Er lächelte unvermindert, doch dem Ausdruck ging die unbeschwerte Fröhlichkeit ab. Ich teilte seine Meinung, insbesondere, nachdem ich die Zeitung gelesen hatte. Das sagte ich ihm. Er lachte laut auf. «Ha, die Zeitung!» Sein Ton wurde bestimmter. «Die habe ich schon lange zu lesen aufgehört.»

Dann schwieg er. Zu erklären, warum er so entschieden hatte, erschien ihm überflüssig und ich brauchte den Grund nicht zu hören. Ich kannte ihn. Der Mann nahm das Buch wieder auf und machte sich an das nächste Kapitel. Ich hätte mich ebenfalls meiner Zeitung zuwenden können. Aber ich schaffte es nicht. Mein Sitznachbar musste mein Zögern bemerkt haben, denn er legte den «Idioten» beiseite und munterte mich auf. «Wenigstens können wir sagen, dass wir uns weiterentwickeln, solange wir lesen.»

Ich konnte mich nicht durchringen, ihm zuzustimmen, aber zu widersprechen wagte ich ebenso wenig. Also schwieg ich. Was ihn zu verunsichern schien. Er beeilte sich, seine Aussage zu ergänzen. «Manche Leute sagen, dass man ist, was man liest. Vielleicht haben sie Recht.»

In Erahnung, wie er fortfahren würde, erwartete ich, dass sich die Miene des Mannes verdüstern würde. Doch sein Lächeln blieb, ja es wurde noch strahlender. «Wissen Sie was? Für mich zählt etwas anderes. Lesen verbindet die Menschen, so wie es auch die Musik tut.» Seine Züge trugen auf einmal etwas Spitzbübisches an sich. «Es geht mir am Arsch vorbei, was andere denken.»

Ich musste loslachen. Bevor ich dazu kam, zu überlegen, warum, fuhr der Mann fort. «Auch Sie haben mich in eine Schublade gesteckt. Es ist zwar die falsche, aber Sie haben sie mit Bedacht und nicht im Affekt gewählt. Das gefällt mir.»

Er klappte sein Buch zu, verstaute es in einen Turnsack aus Kunststoff und erhob sich. «Ich habe übrigens aufgehört mit der Zeitung, weil es mich langweilt, etwas zu lesen, von dem ich weiss, dass es morgen überholt sein wird.»

Er schulterte den Turnsack und marschierte zufrieden von dannen. Ich starrte auf die gefaltete Zeitung neben mir auf der Bank und grübelte, ob ich weiterlesen sollte.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Ich weiss, Redensarten können ganz schön blöd sein. Es gibt aber auch welche, die mehr als ein wahres Wort enthalten, liebe Menschen. Etwa die, wonach man ein Buch nicht nach seinem Umschlag beurteilen soll.


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