Gehen Sie offline – aber nicht zu oft


Die Digitalisierung ist in aller Munde. Die Medien berichten täglich über neue elektronische Errungenschaften, Entwickler philosophieren über deren Potenzial, Philosophen werfen dunkle Szenarien für unsere Zukunft an die Wand. Wir hören, wie Digitalisierung und Vernetzung die Art, wie wir leben, beeinflussen werden. Dabei haben sie längst begonnen, unser Leben zu bestimmen. Sie begleiten uns nicht nur durch den Tag, sie verfolgen uns richtiggehend. Wir können ihnen nicht mehr entkommen. Zumindest glauben wir das.

Die meisten von uns tragen die Welt virtuell mit sich herum. Eingequetscht und flachgedrückt in eine Schokoladentafel aus Metall mit Glascouverture. Das ach so süsse Ding nennen wir Smartphone. Es steckt im Hosensack, in der Handtasche, im Rollkoffer, im Stiefelschaft, in einem Lederbeutel, der am Hals baumelt. Vom Moment an, in dem es uns aus den Federn haut, bis zum letzten bewussten Atemzug vor dem Einschlafen heischt das Gerät nach Aufmerksamkeit. Wie ein Zappelphilipp. Wir sollen uns ihm widmen, über seine Oberfläche streichen und es liebkosen. Zeigen wir uns ignorant, stachelt es unsere Neugierde an. Mit Nachrichten, Aufforderungen, Einblendungen, Klingeln und Zittern. Bei einem Menschen mit diesem Verhalten würde ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom diagnostiziert.

Das Gerät bietet uns etwas, von dem es weiss, dass wir glauben, es unbedingt haben zu müssen. Um auf dem Laufenden zu sein und mitreden zu können, um dazu zu gehören und nicht abgehängt zu werden. Ein raffiniertes kleines Ding. Darum heisst es auch Smartphone.

Die Gier des Kästchens nach Streicheleinheiten führt bei uns zu bizarren Verhaltensweisen. Auf der Strasse begegnen wir Menschen, die unaufhörlich und wild gestikulierend vor sich hinreden. Früher wäre jemand, der in Selbstgespräche verstrickt war, auf offener Strasse aufgegriffen und in die Klapsmühle gesteckt worden. Heute komme ich mir wie ein Aussenseiter vor, wenn ich auf dem Weg ins Büro im Tram nicht mindestens drei Telefongespräche führen kann. Ob die Anrufe dringend sind oder bloss der Lust am Tratschen befriedigen, ist unwesentlich. Ich bin dabei, gefragt und folglich wichtig.

Haben Sie schon einmal beobachtet, was passiert, wenn die Leute auf den Bus oder das Tram warten? Die erste Person zückt ihr Smartphone und beginnt es meist zweihändig zu massieren. Sekunden später macht es ihr jemand nach, was die nächste Person zu ihrem Gerät greifen lässt. Bis alle in der Gruppe, den Mitgliedern einer Synchronschwimmgruppe gleich, mit nach vorne gebeugtem Kopf dastehen und auf ihren Smartphones herumdrücken. Es gibt nichts zu sagen, die Sprache der Leute rundherum ist ihnen unverständlich.

Bevor Sie auf die Idee kommen, ich würde mit dem Finger auf andere zeigen, gestehe ich lieber, dass ich selber nicht besser bin. Immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich auf mein Smartphone eintippe. Während des neusten Kriminalfilms im Kino, der zum Sterben zu langweilig ist. In der Warteschlange beim Grossverteiler, derweilen die Dame an der Kasse den Einkauf anderer Leute wie in Zeitlupe über den Scanner zieht. Nach einer amourösen Nacht, die nicht so ausgegangen ist, wie die Frau neben mir im Bett und ich es uns vorgestellt hatten.

Mein Smartphone hat noch eine andere wichtige Funktion. Es ist mein Notizblock. Wann immer mir etwas in den Sinn kommt, greife ich nach dem Gerät und halte meine Überlegungen fest. Auf diese Weise ist auch die Geschichte entstanden, die Sie gerade lesen. Abgetaucht in den Fluss meiner Gedanken, vergesse ich mitunter die Welt um mich herum. So passierte es mir auch an einem sonnenverwöhnten Vorabend. Mein Heimweg führte mich über eine der Brücken in unserer Stadt. Das Wetter lockte mit einer phantastischen Aussicht auf die gezuckerten Alpengipfel. Ich aber hatte nur Augen für mein Smartphone.

Gleich ging es einem chinesischen Touristen, der mir auf dem Fussweg entgegenkam. In der Mitte der Brücke, hoch über der Aare, prallten wir ineinander. Dem jungen Mann fiel das Gerät aus der Hand, purzelte unter dem Geländer hindurch und fiel in die Tiefe. Kurz darauf verkündete ein entferntes Platschen, dass es im Fluss versank. Der Chinese geriet ausser sich. Er schlug die Hände über dem Kopf zusammen und kreischte mich im Stakkato einer Sprache an, von der ich keine Silbe verstand. Das brauchte ich auch nicht. Ich wusste, sein Leben ging gerade die Aare runter.

Lorenzo schüttelte den Kopf, als ich ihm die Geschichte erzählt hatte. «Manchmal habe ich das Gefühl, dieses Ding sei euch wichtiger als eure Seele.»

«Ach was. Es ist ein einfach ein saumässig praktisches Gerät.»

«Vor allem eines, nach dem ihr süchtig seid. In der halben Stunde, seit wir hier sitzen, hast du mindestens sechsmal daran herumgedrückt. Hochgerechnet nimmst du es fast zweihundertmal pro Tag in die Hand. Das ist doch Wahnsinn.»

Lorenzo schaute mich herausfordernd an. Ich gab mich unbeeindruckt. «Du hast wohl das Gefühl, dass ich nicht ohne mein Smartphone sein kann. So ein Blödsinn!»

Mein alter Kumpel nahm einen Schluck Bier und entgegnete trocken: «Beweis es.»

«Wie denn?»

«Gib das Gerät für 24 Stunden ab.»

«Wem? Etwa dir? Damit du heimlich meine Nachrichten liest?»

«Leidest du unter Verfolgungswahn? Ich erspare mir doch nicht den Stress mit einem eigenen solchen Ding und hüte dann deines. Gib es Charlotte, Wir treffen uns morgen Abend wieder hier und du holst es dir zurück.»

Bei der Wirtin unserer Lieblingsbeiz wäre mein Smartphone in sicheren Händen. Es war Freitagabend, ich hatte nichts los am Wochenende, und es musste mich niemand erreichen. Ich schlug ein.

«Und, wie war’s?» Lorenzo verging beinahe vor Neugier. Wie abgemacht sassen wir einen Tag später wieder in unserer Beiz, etwas verloren am Stammtisch. Es war noch früh am Abend. Ich gab mich entspannt. «Es war eine coole Erfahrung. Ich hatte Zeit für Dinge, die sonst keinen Raum haben. Lesen, die Zimmerpflanzen umtopfen, faulenzen, mal wirklich nichts tun.»

Was ich Lorenzo nicht sagte: In einer Panikattacke hatte ich am Morgen als erstes die gesamte Wohnung nach meinem Smartphone abgesucht. Bis mir eingefallen war, dass ich es bei Charlotte gelassen hatte. «Wenn es so einfach war: Warum machst du es nicht wie ich und verzichtest gleich auf das Ding?»

Bevor ich auf die Frage meines alten Kumpels antworten konnte, krachte es. Ein Mann war beim Eingang der Länge nach hingefallen. Der Regenschirm, den er bei sich hatte, schlitterte wie von Geisterhand bewegt über den Holzboden und knallte gegen den eisernen Schirmständer. Lorenzo sprang geistesgegenwärtig auf, eilte zu dem Mann hin und stellte ihn wieder auf die Beine. Ich hob seine Mütze auf und gemeinsam setzten wir ihn an unseren Tisch.

Mit den tiefen Furchen, die sein Gesicht durchzogen, wirkte er verlebter als er vermutlich war. Der graue Bart, der ihm bis auf die Brust reichte und die knöchrige Figur unterstützten den Eindruck. Ich bot ihm etwas zu trinken an und dachte an einen Tee oder Traubensaft. Er bestellte Wodka. Gleich für alle drei. Mit dem ersten Glas spülte er den Schrecken hinunter, beim zweiten fing er an, sein Leben vor uns auszubreiten.

Wir erfuhren, dass er als Koch viele Jahre auf Frachtschiffen die Meere durchkreuzt hatte. Der Alte war ein virtuoser Erzähler und verstand es, in den Köpfen seiner Zuhörer Kinofilme ablaufen zu lassen. Filme von opulenter Ausstattung und wuchtiger Farbenpracht. Nach der vierten Runde Wodka begann er immer mehr Seemannsgarn zu spinnen. Wir sahen vor uns Sturmfluten mit turmhohen Wellen, von denen die Schiffe herumgeworfen wurden. Wie eine Gummiente in der Badewanne, die in den Strudel des einlaufenden Wasserstrahls gerät.

Wir bekamen Prachtsweiber zu Gesicht, die rund um die Welt darauf warteten, dass unser Koch ihren Hafen anlief. Wir beobachteten gebannt, wie Piraten mit Maschinenpistolen und Handgranaten das Schiff enterten, um mit grossen Augen festzustellen, dass die Ladung im letzten Hafen gelöscht worden war. Das alkoholgetränkte Glucksen unseres Erzählers hallte durch das Lokal. Dann brach er abrupt ab, klopfte auf den Tisch und brummte etwas von einer Koje. Er ächzte, angelte nach seinem Schirm und torkelte in die Nacht hinaus.

Zu Hause angekommen grinste ich noch immer über den kurzweiligen Abend. Ich hatte eben die Nachttischlampe ausgeknipst, da fiel es mir ein. Ich Trottel hatte vergessen, mein Smartphone bei Charlotte abzuholen. Ich tröstete mich damit, dass ich morgen keine Ausrede brauchte, wenn ich schon wieder bei ihr auftauchen würde.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Ihr seht, liebe Menschen, was das Leben euch geben kann, wenn ihr offline geht. Es ist aber auch okay, wenn ihr zwischendurch mal online seid. Wäre doch zu schade, wenn ihr unseren Blog nicht mehr lesen könntet.


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