Ein verrauchter Sonntag an der Aare


Es war Sonntag. Der einzige Tag, an dem ich ausschlafen konnte. Ich freute mich schon darauf, nach dem Erwachen liegenzubleiben, im Bett zu fläzen und auf der weichen Matratze zu schweben wie ein weiss gewandeter Engel, der es sich auf seiner luftigen Wolke bequem macht, um Harfe zu spielen. Mit dem einzigen Unterschied, das ich unmusikalisch bin. Ich würde mich lieber so lange vergnügt wälzen, bis das Kissen zerknüllt war, die Decke beidseitig verdreht, das Laken komplett verwühlt. Am schönsten finde ich, wenn das Bett beim Aufstehen aussieht, als hätte sich ein Paar beim Liebesspiel darin ausgetobt. Warum das so ist, habe ich mich noch nie gefragt. Die Antwort interessierte mich in diesem Moment nicht, was auch gut war. Sie hätte mich Fragen stellen lassen, auf die ich keine Antwort haben wollte. Schon gar nicht an einem Sonntag.

Dieser Sonntag war anders. Es würde nichts werden mit wälzen und wühlen im Bett. Georgette wollte mit mir an die Aare. Um uns ein Plätzchen auf der Sandbank und im Halbschatten der Bäume zu sichern, zog es meine gute Freundin früh hinaus. Und mich hinterher. Um acht Uhr fünfundzwanzig stand Georgette vor meiner Türe, fünf Minuten früher als abgemacht. In der einen Hand trug sie die Einkaufstasche eines Grossverteilers, in der anderen einen tragbaren Kugelgrill und am Rücken einen Seesack, aus dem eine Bastmatte lugte. Mir hatte Georgette aufgetragen, die Kühltasche bereitzustellen mit Weisswein, Melonensalat, Meeresfrüchtespiessen und Grillschnecken. Als Überraschung hatte ich Tiramisu dazugepackt, die Leibspeise meiner guten Freundin.

Daneben hatte ich meine Wasserpfeife parat gemacht und Tabak mit Kokosnussaroma eingepackt. Georgette strahlte wie die bereits hoch am Himmel stehende Sonne. Als sie die Wasserpfeife sah, zog eine Gewitterfront vor ihrem Gesicht auf und ihre Stimme trug etwas Grollendes vor sich her. «Du lässt das Gefäss schön brav hier. Ich will mich nicht an der frischen Luft einnebeln lassen.» Und als ob die Pfeife nicht genug wäre, mussten auch Menschen als Grund herhalten. «Die Leute um uns herum würden den Rauch bestimmt auch nicht lustig finden.»

Ich wies meine gute Freundin darauf hin, dass auch ihr Grill rauchen werde. Zum Grollen schossen nun noch Blitze aus ihren Augen. «Wer richtig grilliert, qualmt nicht. Ich weiss, wie man ein anständiges Feuer macht.» Um meinem Widerspruch die Luft zu nehmen, zog Georgette eine Holzbeige im Kleinformat aus ihrer Tasche. Sie war mit einem Papierstreifen umwickelt und auf der einen Seite hing eine Zündschnur heraus. Wortlos hielt meine gute Freundin mir ihren Feuerteufel hin, und ich sah in ihren Augen die Flammen lodern. Es war ratsam, meine Bedenken für mich zu behalten. Ich stellte die Wasserpfeife neben der Eingangstüre ab, wobei ich mir Mühe gab, ein Geräusch zu machen, als ob die Gravitation das Gefäss zu Boden ringen würde. Mit ähnlich schwerem Gang latschte ich hinter Georgette her.

Unser Lieblingsplatz erwartete uns mit einer einladenden Leere. Wir konnten uns nach Belieben breit machen. Innert Minuten hatte meine gute Freundin sich eingerichtet, als ob wir eine Woche bleiben wollten. Die beige-weiss gestreiften Zierkissen, das hellgelbe Tischtuch und die in Holzringe gesteckten Stoffservietten sahen zweifelsohne gut aus. Dennoch konnte ich mich der Frage nicht entziehen, ob die Dekoration für ein Picknick nicht etwas überzogen war. Um nicht ein weiteres Gewitter heraufzubeschwören, stellte ich die Frage nicht. Derweil demonstrierte Georgette den Willen, ihren Anspruch einzulösen. Sie begann, den Grill zusammenzusetzen.

Ich zog es vor, mir ein Glas Weisswein einzuschenken und setzte mich an die Aare. Die prickelnde Frische des Weins und das sanfte Flüstern des vorbeifliessenden Flusses gaben mir den Frieden zurück, der mir am Morgen viel zu früh genommen worden war. Die Ruhe in Wasser und Wein durchströmte meine Gedanken und zog sie fort an einen Ort, an dem die innere Einkehr Rast gemacht hatte. Ich hüllte mich darin ein, als wäre es meine Bettdecke. Ein Bellen entriss mich dem kuscheligen Gefühl. Neben mir stand eine Deutsche Dogge. Sie vertrieb ein Entenpärchen, das auf uns zugeschwommen kam.

Ich musste geraume Zeit an der Aare gesessen haben. Als ich um mich schaute, kam es mir vor, als wäre ich aus dem Bett gefallen und an einem Strand an der italienischen Adria aufgeschlagen. Um wieder auf den Uferweg zu gelangen, musste ich zickzack gehen, damit ich anderen Leuten nicht auf das Badetuch trat. Bei der Rückkehr fand ich meine gute Freundin umzingelt von weiteren Badehungrigen. Eine Familie hatte mit Kinderwagen und Krabbeldecke Quartier bezogen, eine Gruppe Jugendlicher mit Surfbrettern und aufblasbaren Liegesesseln und ein Hippie-Duo, dessen gesamter Besitz in einem Bergsteigerrucksack verstaut zu sein schien.

Georgette hatte Holz für den Grill gefunden, aber glücklich schaute sie nicht aus. Bei der Familie weinte der Säugling, wenn er nicht gerade an der Brust seiner Mutter hing, die Jugendlichen hörten bassgetriebene Hiphop-Musik, von den Hippies tönte psychedelischer Folk herüber. Ich hatte mich kaum gesetzt, da kam die Dogge angetrottet. Sie musste mir gefolgt sein. In Zeitlupe spazierte sie über unsere Bastmatte und blieb stehen, um ihr nasses Fell zu schütteln und sich auf dem abgewetzten Quilt der Hippies niederzulegen.

Der Mann streckte seine Hand aus und kraulte den Hund hinter dem linken Ohr. Ich atmete tief durch und hoffte insgeheim, dass meiner guten Freundin das Feuer so richtig misslingen möge. Gebannt schaute ich zu, wie Georgette die sorgsam errichtete Holzpyramide in Brand setzte. Als die Flammen im Nu durch die dünnen Scheite schlugen, sah ich meine Hoffnung im Rauch aufgehen, den das Feuer nicht hatte.

Die Spiesse waren vorzüglich gewesen, und die Schnecken brutzelten auf dem glühend heissen Grill fröhlich vor sich hin. Da erhob sich die Hippiefrau von ihrer schäbigen Unterlage, schritt zu uns hin und legte unvermittelt zwei bleiche Klumpen auf den Rost. «Ihr habt sicher nichts dagegen, wenn ich unser Quorn-Plätzchen und den veganen Sojamilch-Käse bei euch dazulege.» Sie griff nach einem Stecken, den vermutlich der Hund zuvor in der Schnauze gehabt hatte, und schob unsere Grillschnecken zur Seite. «Wir mögen es nicht, wenn unser Essen mit Fleisch in Berührung kommt», entschuldigte sie sich und lächelte pomadig. Worauf der Stecken in den Sand flog, der Hund ihn sich schnappte und wieder darauf herumkaute.

Das war zu viel für Georgette. Meine gute Freundin schnellte hoch, stapfte zu den Hippies hin und schaltete die Musikanlage aus. «Wir mögen es nicht, wenn das Gedudel uns den Appetit verdirbt.» Die wutgetränkte Stimme meiner guten Freundin wirkte so einschüchternd, dass die Hippies die Ware auf dem Grill vergassen und die Jugendlichen ihre Musik leiser stellten. Einzig das Kleinkind liess sich nicht beeindrucken. Es plärrte weiter.

Ich brauchte etwas, um meine Nerven zu beruhigen. Die Jugendlichen schienen meinen stummen Hilferuf gehört zu haben. Zwei von ihnen fingen an, mit beeindruckender Fingerfertigkeit einen Joint zu drehen. Ich sah die innere Zufriedenheit mit dem Rauch in mir aufsteigen. Ich würde ihnen einen Vorschlag machen: zwei, drei Züge aus einer Zigarette gegen mehr Lautstärke ihrer Musikanlage. Schon auf halbem Weg, kam mir in den Sinn, dass meine gute Freundin noch besänftigt werden wollte. Ich eilte zurück und servierte ihr entschuldigend lächelnd das Tiramisu. Die süsse Versuchung konnte Georgette keine Ruhe schenken, ich weiss. Doch sie war der Trost dafür, dass ich treulose Seele meine gute Freundin gleich schändlich hintergehen würde.

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Leben und leben lassen, besagt ein geflügeltes Wort von euch. Was ihr oft vergesst, liebe Menschen, ist, dass zu viel eigenes Leben die anderen nicht mehr ihr Leben haben lässt.


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