Ich bin solidarisch



Ich weiss, liebe Menschen, es geht euch gerade ziemlich beschi… Endlich habt ihr unendlich viel Zeit, all die vielen Dinge zu tun, die in eurer sonst so endlichen Zeit keinen Platz mehr finden. Ein moderner Garten Eden sozusagen, der sich verheissungsvoll vor euren Stubenfenstern ausbreitet. Auf die Türen und hinaus ins Paradies, also! Blöd nur, dass man euch alles untersagt hat, womit ihr euch in diesem Paradies die Zeit erfüllen könntet. Noch schlimmer, man hat euch sogar aufoktroyiert, die viele Zeit auf dem wenigen Raum eurer Wohnungen zu verbringen. Und das nicht nur für ein paar Tage – nein, gleich wochenlang!

Nun, ich weiss auch, was es bedeutet, eingesperrt zu sein, ohne das getan zu haben, wofür einem Rotzbengel der Stubenarrest blüht. Jeden Herbst, früh im November, wenn der Garten geräumt ist, werde ich achtlos in den Geräteschuppen gestellt. Zwischen dem eingerollten Wasserschlauch, dem nach Benzin müffelnden Rasenmäher und der mit Moos überwachsenen Aphroditenstatue aus Gips stehe ich den ganzen Winter lang am Fenster und verzehre mich nach dem Frühling.

Jetzt, da er endlich da ist, alles blüht und gedeiht, die Luft nach Leben riecht und nach Putz- und Desinfektionsmitteln, könnte ich draussen sein und in die Welt hinauslächeln. Könnte! Denn etwas fehlt. Ich vermisse euch, liebe Menschen. Im Gegensatz zur verschämten und verschnarchten Aphrodite seid ihr wenigstens angerührt, wenn ich euch mein Riesensmile entgegenschicke. Menschenskind! Jetzt braucht es Solidarität! Darum bleibe ich tapfer mit euch in der Quarantäne und ertrage stoisch den stinkenden Rasenmäher neben mir, bis ihr ihn endlich wieder durch den Garten stossen könnt, ohne zwei Meter Abstand zu jedem Mauerblümchen nehmen zu müssen.

Eine solidarische Zeit wünscht euer Köbi

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