Ein Tag wie eine sämige Suppe

Der Tag war wie ein Raclette von schlechter Qualität gewesen. Zähflüssig und geschmacklos. Zu der Besprechung, an der ich teilgenommen hatte, war ich anderthalb Stunden unterwegs gewesen. Gedauert hatte sie fast doppelt so lange, und wenn ich auf das Resultat schaute, hatte ich den Eindruck, sie wäre mehr als den halben Tag gegangen.


Auf der Rückfahrt war der vollbesetzte Zug steckengeblieben, angeblich, weil die Lokomotive eine Software-Störung hatte. Die beiden Männer in meinem Abteil wurden nicht müde, sich selber zu bedauern. Während der eine schimpfte, er werde die dringende Sitzung der Finanzkommission verpassen, jammerte der andere, dass er die Frau, mit der er zum Essen verabredet war, sitzenlassen müsse. Was sie ihm hundertprozentig übelnehmen werde. Die Jugendliche mir gegenüber hatte sich vor dem Redeschwall der Männer unter ihre Kopfhörer in Sicherheit gebracht. Der dumpf dröhnende Bass und das nervöse Zischen von Cinellen schwappten über mich hinweg. Ich verwünschte mich, weil ich die Welt akustisch nicht auch aussperren konnte. Meine Ohrstöpsel waren zu Hause liegengeblieben. Angestrengt versuchte ich, in mir unterzutauchen. Die Mauer der Gespräche war jedoch dick und hart, ich schaffte es nicht.


Später, als ich im Tram sass, das mich innert weniger Minuten vor meine Haustüre fahren würde, nahm der Tag eine zu goutierende Konsistenz an. Er schmeckte wie eine währschafte und sämige Gulaschsuppe. Kräftig im Geschmack, weich und wohltuend im Gaumen. Ich erwog, mir eine Suppe zu Abend zu kochen. Auch wenn es nur eine aus der Packung sein würde, mit Steinpilzen oder Spargeln oder so. Ich sah sie bereits vor mir auf dem Tisch stehen, wie sie dampfte und meine Laune aufwärmte.


An der dritten Station stiegen ein Mann und eine Frau zu. Beide schienen sie das Berufsleben hinter sich gelassen zu haben. Er hatte weisse gekrauste Haare, schwere Ringe unter den Augen und tiefe Furchen, die sich durch seine Stirn pflügten. Der Mund hing nach unten wie eine waagrechte Mondsichel, und in seinem Blick spiegelte sich die Vergessenheit, die keine Ahnung mehr hatte, dass jeder Mensch einmal von Träumen beseelt gewesen ist. Die dunkelgrauen, kurz geschnittenen Haare und ihre glatte Haut gewährten der Frau einen Anflug von Eleganz. Die steifen Bewegungen und die gebückte Haltung sprachen hingegen eine andere Sprache. Jene der Beschwernis und der Entbehrung. Und jene der Bitterkeit und Enttäuschung.


Der Mann suchte sich auf der linken Seite des Trams einen einzelnen Sitz, die Frau tat es ihm gegenüber gleich, beide sassen sie mir zugewandt. Kaum, dass sie sich gesetzt hatte, sprang die Aufmerksamkeit der Frau zu ihrem Mobiltelefon. Mit einem gelenkigen Zeigfinger, den ich höchstens einer Jugendlichen zugetraut hätte, tippte sie auf das Gerät ein. Während die Augen auf dem Bildschirm hafteten, wippte ihr rechtes Bein mit dem Zeigfinger um die Wette. Dann hob die Frau den Blick und er glitt über den Mann hinweg zum Fenster hinaus.


Das Ganze wiederholte sich noch zweimal bis zur übernächsten Haltestelle. Der Mann sass derweilen mit verschränkten Armen auf seinem Sitz und starrte auf den Boden. Plötzlich hatte ich den Eindruck, dass er mit seinem Blick das Metall unter den Füssen durchbohrte und die Räder beobachten konnte, wie sie auf ihn zurollten, ohne ihm wirklich näherzukommen. Ob sie ihn erkennen liessen, dass er vor langer Zeit stehengeblieben war, obwohl er sich doch unablässig bewegte in seinem Leben?


Was für ein einfältiger Gedanke, den ich da hatte! Der Mann genoss bestimmt bloss ein paar Augenblicke der Besinnung. Oder der Ruhe. Oder er grübelte darüber nach, warum sein Fussballklub am Vorabend zum wiederholten Mal und erst noch gegen das Schlusslicht der Tabelle verloren hatte. Dann hob er den Kopf, und sein Blick sagte mir, dass die Niederlage verarbeitet war.


«Hast du die Goldfische gefüttert?» Die Frau liess den Satz aus dem Nichts fallen, nebenbei, und er war es ihr nicht einmal Wert, den Blick vom Telefon zu nehmen.


«Hab ich es schon einmal vergessen?» Die Antwort des Mannes war wohl eine Frage, aber sie liess das Ausrufezeichen dahinter deutlich erklingen.


«Ich wollte nur sicher sein.» Die Augen der Frau verharrten weiter auf dem Telefon.


Wir hatten die nächste Haltestelle erreicht, da schaute die Frau den Mann doch noch an. Der Blick, den er zurückschickte, kam vom Fussballer, der den Ball ein weiteres Mal aus dem eigenen Tor herausnehmen musste. Was die Frau nicht interessierte, denn sie befasste sich bereits wieder mit ihrem Gerät. Der Fussballer streckte seine Füsse und liess den Ball in Gedanken rollen.


«Ich habe Claudine zum Essen eingeladen. Am Freitagabend. Es gibt Blut- und Leberwürste.» Der Blick der Frau blieb unverändert auf dem Bildschirm. Als die Reaktion ausblieb, fuhr ihr Kopf herum. «Hörst du mir eigentlich zu?»


Er zuckte mit den Schultern.


«Was heisst das denn?»


Erneut gingen seine Schultern nach oben.


«Wie du willst. Dann informiere ich dich künftig nicht mehr, wenn ich jemanden eingeladen habe.»


Der Mann verschränkte seine Arme und blickte in meine Richtung. Die Frau liess einen Stossseufzer fallen und schaute für einmal nicht sogleich auf ihr Telefon, sondern ebenfalls zu mir hin.


«Was gibt’s denn da zu lachen?» fuhr sie mich auf einmal an. Sie schürzte ihre Lippen und fuhr den Unterkiefer drohend vor.


Ich lief rot an. Mir war nicht bewusst gewesen, dass ich geschmunzelt hatte. «Also, äh, nichts. Ich habe nicht über Sie gelacht.» Das stimmte. Ich hatte mich vielmehr wegen beiden amüsiert.


«Das möchten wir uns sowieso verbeten haben», eilte der Mann seiner Frau zu Hilfe. «Es ist eine Frechheit, dass Sie fremde Leute bei ihren privaten Gesprächen belauschen.»


«Aber ich habe doch…»


«Ach hören Sie auf, sich herauszureden. Das ist nur peinlich.»


Ich wusste nicht mehr, was ich sagen sollte.


«Sehen Sie, genau deswegen rede ich im Tram nicht mehr mit meiner Gattin. Gell Margrith?»


Margrith nickte und beugte sich wieder über ihr Mobiltelefon.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Ihr Menschen redet viel und oft. Doch meistens, wenn es dienlich wäre, miteinander zu reden, schweigt ihr euch an. Kein Wunder, habt ihr einander am Schluss nichts mehr zu sagen.