Zauberlehrlinge auf dem Rennrad

Ich hatte gemischte Gefühle gehabt. Der Himmel hing tief, die grau melierten Wolken schienen sich gelöst zu haben und mit ihrer Schwere die Erde erdrücken zu wollen. Die Hoffnung lebte am Ende des Firmaments. Ein heller, rot schimmernder Streifen war Ausdruck der Erwartung, dass die Sonne dem Tag Luft einhauchen und die Welt durchatmen lassen würde.


Die Hoffnung gründete auch auf moderner Technik. Satelliten, die um den Globus schwirren wie Mücken eine brennende Glühbirne umkreisen, Computer, die jeden Wolkenfetzen, dessen Bild sie aus dem Kosmos erhalten, in forensischer Akribie analysieren. Aus diesem Hut der künstlichen Intelligenz zaubern Menschen, die etwas gegen Überraschungen haben, die Vorhersage, wie unser Wetter wird. Nicht nur für morgen und übermorgen, sondern auch für heute und dies Stunde für Stunde, den ganzen Tag hindurch. So wissen andere Menschen, die sich ebenfalls nicht gerne überraschen lassen, wann sie nicht ohne Regenschirm aus dem Haus sollten. Bisweilen habe ich den Eindruck, dass die Wettervorhersagen einzig für Leute sind, die mit spontanen Veränderungen nicht umgehen können.


Ich muss zugeben, dass ich am Morgen auch nicht auf die Strasse will ohne zu wissen, welches Wetter mich erwartet. Nicht wegen mir. Ich sorge mich um mein Fahrrad. Es könnte verregnet werden. Was mir Tränen in die Augen treiben würde. Denn es ist kein gewöhnliches Velo. Ich besitze ein Rennrad Baujahr 1988 mit einem filigranen Stahlrahmen, verchromter Lenkergabel, Achtfachübersetzung und einer ovalen Kurbel für einen möglichst runden Tritt. Ein Gefährt, nach dem die Kenner den Kopf drehen wie ein Halbstarker, der mit Stielaugen einem röhrenden, knallroten Ferrari nachschaut.


Ich bin ein Mensch der Vorsicht und mein Vertrauen in die Künste von Zauberern ist nicht grenzenlos. Insbesondere dann, wenn sie der Menge herumhängender Wolken zum Trotz für den Vormittag Sonnenschein in Aussicht stellen. Ich liess mich dennoch verleiten, für den Weg in die Stadt auf mein Rad zu steigen. Ich wollte das erhebende Gefühl auskosten, wenn der Fahrtwind die behäbige Unschuld des jungen Tages davonträgt, den Klang geniessen, wenn die morgendliche Frische die rotierenden Speichen zum Singen bringt. Doch mit der Euphorie war es vorbei, bevor sie durch die Glückseligkeit abgelöst werden konnte. Die dunklen Wolken dachten nicht daran, nur Kulisse zu bleiben. Sie öffneten ihre Schleusen, und innert zwei Minuten waren wir klatschnass. Das Wasser triefte mir aus den Schuhen und meinem Velo aus dem Tretlager.


Kurz darauf standen wir im Tram und während sich unter uns eine Lache bildete, fluchte ich innerlich vor mich hin. Wie hatte ich diesen Zauberlehrlingen nur vertrauen können? Anstelle des herzigen Kaninchens hatten sie aus ihrem digitalen Zylinder eine schlammbraune Kröte geholt. Noch dazu eine, die lauter Pusteln auf dem Rücken trug.


Auf dem einzelnen Sitz vis-à-vis von mir sass ein alter Mann. Er hatte zerzauste Haare und tiefe Furchen, die sein Gesicht durchzogen. Unter den buschigen Brauen ruhte ein freundliches Augenpaar, es hellte das düstere Antlitz auf wie der scheue Schein der Sonne den Himmel heute Morgen. Der Mann musste mir zugeschaut haben, seit ich ins Tram geflüchtet war. «Unangenehmes Wetter, um mit dem Fahrrad unterwegs zu sein, nicht wahr?» sagte er liebenswürdig zu mir.


Das hatte mir gerade noch gefehlt! Ich tropfte, war stinksauer und hatte null Bock auf eine Unterhaltung mit dem Alten. Also ignorierte ich seine Bemerkung. Er liess sich nicht entmutigen. «Ich weiss, was Sie denken. Der Alte soll sein Maul halten und mich in Ruhe lassen.» Er legte seinen ganzen Charme in die Worte. Der Plan ging auf. Der Mann hatte meine Aufmerksamkeit gewonnen. «Ich kenne das Gefühl, wenn man so richtig verschifft wird und beim Anblick seines Velos losheulen könnte.» Er blickte mitleidsvoll auf mein Rad. «Ein echtes Bijou. Das hat noch Qualität.» Dann wandte er sich wieder mir zu. «Ich hatte auch mal so eines.»


Meine Aufmerksamkeit steigerte sich zum Interesse. Der betagte Mann erzählte mir von seinem Rennrad, von den handgefertigten, dünnwandigen Stahlrohren über die elegant geschweissten Muffen bis zu den eloxierten Ausfallenden. Am meisten verzückt hatte ihn die Farbe seines Fahrrads. Er beschrieb sie mir im hellsten Glanz der Begeisterung und je länger er schwärmte, je mehr wurde mir bewusst, dass er von der Farbe meines Velos sprach. Der Ton war eine Legierung von Licht, verschmolzen aus dem Grün der Aare und dem Blau des Himmels. Bei der Farbe des Himmels kamen mir die Zauberlehrlinge in den Sinn und ich musste auf einmal lachen. Der Mann liess sich anstecken, gemeinsam gaben wir uns dem herzhaften Lachen hin. Keiner von uns kannte den Grund des anderen, was es nur noch schöner machte.


Mich nahm wunder, was aus seinem Fahrrad geworden war. «Ich habe es verschenkt. Ein Junge aus der Nachbarschaft hatte ein Auge darauf geworfen. Ich freue mich immer, wenn ich ihn damit herumfahren sehe.» Ich wollte nicht unhöflich erscheinen, konnte mir aber die Frage nicht verkneifen, warum er aufgehört hatte, Velo zu fahren.


«Es war an der Zeit.» In seiner Stimme lag plötzlich etwas Wehmütiges. Ich wartete auf eine Erklärung, warum es denn Zeit gewesen sei. Doch sie blieb aus. Sein Blick ging aus dem Fenster in den Regen, der etwas nachgelassen hatte. Ich hörte ihn darüber brummeln, dass Rad fahren bei schlechtem Wetter in der schönsten Erinnerung bleibe. Dann verfiel er endgültig dem Schweigen. Ich grübelte darüber nach, warum meine Frage ihn verletzt haben könnte.


Die ruppige Bewegung des Trams befreite mich aus der Senke meiner Überlegungen. Ich schaute auf den Sitz gegenüber. Er war leer. Der Mann hatte sich auf stille Weise verabschiedet. Kurz darauf wurden wir Passagiere erneut durchgerüttelt. Die Warnglocke klingelte wild und das Tram kam brüsk zum Stehen. Der Chauffeur wetterte lauthals über unachtsame Fussgänger, die über die Gleise irrten wie kopflose Hühner. In meinem Fenster erschien in Zeitlupe eine Gestalt. Offensichtlich die Person, die den Fahrer zur Vollbremsung genötigt hatte. Ich wusste, bevor ich sie erkennen konnte, wer es war. Der alte Mann aus dem Tram. Auf einen Stock gestützt bewegte er sich bedächtig aus dem Strassenraum.


Eine Haltestelle später stieg ich aus. Der Regen hatte aufgehört und es kam mir vor, als habe er die Wirklichkeit um mich herum abgewaschen. Ich und mein Rad, wir pedalten durch den Raum, der Schwerkraft entfliehend, der Souplesse zustrebend. Inmitten des Schwebens realisierte ich, dass ich zu spät aus dem Tram ausgestiegen und zwei Stationen zu weit gefahren war. Den Weg, den ich per Velo zurückzulegen hatte, würde länger werden. Ein erneuter Grund, um mich selbst zu ohrfeigen. Ich entschied, es bleiben zu lassen und schwang mich in den Sattel. Das Wasser spritzte in richtigen Fontänen von den Rädern an meine Beine und an den Rücken. Ich würde ankommen wie ein Schweinchen, das sich ausgiebig im Dreck gesuhlt hat. Ich fühlte mich sauwohl bei dem Gedanken.


Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Kostet aus, was ihr besonders mögt in eurem Leben, auch dann, wenn die Umstände nicht danach sind. Vielleicht kommt bald ein Tag, an dem ihr nicht mehr könnt und der Genuss nur noch in euren Gedanken lebt.