Verbieten verboten

28.1.2019

«Fussball spielen nicht verboten». Der Satz war unauffällig, zwar fett, gleichzeitig aber in schnörkelloser, zurückhaltender Schrift geschrieben. Als sei er bemüht, nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Unsicher, ob er wirklich an das glaubte, was er sagen wollte. Beinahe hätte ich ihn übersehen. Im Vorbeigehen, nicht darauf vorbereitet, dass er mir begegnen würde. Ich schaute ihn genauer an. Irgendetwas störte mich. Ich brauchte einen Moment, bis ich dahinter kam. 

 

Es war weder die Art der Schrift noch deren Form. Mich irritierte, dass am Ende der Worte kein Punkt stand. Er hätte den Satz nicht bloss ordentlich abgeschlossen, sondern ihn zusammengehalten, seine Wirkung konserviert. Der fehlende Punkt liess den Satz erschlaffen, nahm ihm Halt und Bedeutung. Wie bei einem Ballon, aus dessen offenem Ventil die Luft entwichen war. Abgezischt in das Sauerstoffmeer der Atmosphäre. Da hing sie nun, die Aussage, kraftlos auf einem fahlen weissen Blech. An einem Maschendrahtzaun, zweieinhalb Meter über Boden.

 

Der Blick durch den Zaun hindurch offenbarte die Aufgabe der Tafel. Auf dem Asphaltplatz tollten mehr als ein Dutzend Kinder umher. Eingeklemmt zwischen einer sandfarbenen Turnhalle mit Kragendach, dem Glas und Stahl tragenden Schulhaus und zwei Betonblocks, deren Balkone wie leere Augen auf den Platz hinaus starrten. Bälle prallten auf den Boden und klatschten an die Seitenwand der Turnhalle. In einem Takt, der für die Ohren Erwachsener nicht zu entschlüsseln war und deshalb unverständlich blieb. Missverstanden und als Lärm abqualifiziert. 

 

Ein Takt, der kombiniert mit den Stimmen der Kinder, dem Rufen, dem Lachen, dem Schreien zu einer Melode verschmolz, die von einer fernen Insel stammte. Es war die Insel der Unbeschwertheit, des Spielens, des Kind sein Dürfens. Just dafür war der Platz da, auch wenn sein grauer Ton nicht zu der Leichtigkeit des Lebens passen wollte, das sich auf ihm abspielte. Dies mitzuteilen, dazu war das Schild da. Vielleicht verzichtete der Satz bewusst auf den Punkt und noch bewusster auf das Ausrufezeichen. Es gab nichts zu rechtfertigen oder zu bekräftigen. Der Platz durfte dem Spielen dienen.

 

Ich ging weiter, liess die spielenden Kinder in der Obhut des Schildes zurück. So einfach, verständlich und sinnhaft der Satz war, der darauf stand, er ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Er hing im Geflecht meiner Gedanken fest wie die Tafel am Maschendraht. Es war nicht die Aussage, die mich nicht losliess, sondern die Formulierung. «Fussball spielen nicht verboten». Wenn es nicht verboten war, dann durfte auf dem Platz Fussball gespielt werden. Logisch.

 

Wer auch immer den Satz ersonnen haben mochte, warum hatte er ihn nicht wohlmeinender geformt? «Fussball spielen erlaubt», hätte er lauten können. Ich stellte mir vor, dass die Kinder mit noch mehr Freude den Bällen über den Platz nachjagen, sie voller Enthusiasmus an die Turnhallenmauer donnern würden. Darob übermütig und in Ekstase geraten würden. Wie der Flügelstürmer, der eine Minute vor dem Abpfiff einen Volleyball direkt abnehmend in die obere Torecke versenkt und weiss: «Das war der Schuss, der uns den Sieg in der Champions League bringt». Der sich das Trikot vom Leib reisst und es wie ein Lasso über dem Kopf schwenkt. Als würde ein Cowboy ohne Pferd dem armen Kalb durch die Rodeo-Arena nachhetzen.

 

Vielleicht war die Umschreibung des Satzes reiner Vorsicht entsprungen. Der Vorsorge, die Energie der Kinder zu bremsen. Und dem Bemühen, nicht zu viel Euphorie aufkommen zu lassen. Ich beschloss, der Sache auf den Grund zu gehen. Die Frau, die auf der städtischen Schuldirektion meinen Anruf entgegennahm, war verwirrt. «Es macht doch keinen Unterschied, ob etwas erlaubt oder nicht verboten ist. Was zählt, ist, dass Sie es tun dürfen.»

 

Dies sei mir durchaus bewusst, erklärte ich der Dame. «Gut», gab sie zufrieden zurück, «somit ist Ihre Frage doch beantwortet».

 

Nicht ganz, wandte ich ein. «Ich verstehe nicht, was Sie meinen». Ihre Stimme verriet Anzeichen von Ungeduld. Ich wiederholte mein Anliegen, so kurz und so verständlich, wie es mir möglich war. Ich hörte, wie meine Gesprächspartnerin tief Luft holte. Es folgte eine Pause, in der die Frau abwägte, ob sie ihr Unverständnis zügeln oder ungebremst durch den Hörer schicken sollte. Sie entschied sich für ersteres. «Ich kann Ihre Frage nicht beantworten», presste sie mit bemüht kontrollierter Stimme hervor. 

 

Ob sie sich nicht erkundigen könne, eventuell habe es jemanden in der Behörde, der Bescheid wisse, fragte ich noch freundlicher als vorsichtig. Und bevor sie dazwischenfahren konnte, hängte ich an, dass sie mir damit einen grossen Gefallen täte. Einen, den ich ausserordentlich schätzen würde.

 

Der Seufzer, den sie innerlich ausstiess, war durch die Leitung hindurch spürbar. «Ich schaue, ob ich etwas machen kann.»

 

Sie konnte. Noch am selben Tag rief sie mich zurück. Ihre Stimme strahlte ein helles Lachen aus. «Der Abwart des Schulhauses fand Ihre Frage amüsant.»

 

Immerhin, dachte ich mir und wartete gespannt darauf, was sie mitzuteilen hatte. «Er erzählte mir, er sei es leid, immer nur Schilder mit Verboten aufzuhängen. Überall habe es Verbote. Manchmal glaube er, die Leute nähmen Schilder nur noch wahr, wenn das Wort ‹verboten› draufstehe.»

 

Die Frau gönnte sich, der Verbote offensichtlich ebenso überdrüssig, eine kurze Pause. «Deshalb hat der Abwart das Fussballspiel auf dem Pausenplatz nicht erlauben wollen, sondern es nicht verboten.»

 

Ich war verblüfft und beeindruckt zugleich. Der Mann hatte ein Zeichen gesetzt. Ein einfaches, kleines Zeichen. Kein Aufruf und kein Ausruf. Es war ein Zeichen, das keiner Aufmerksamkeit bedurfte. Ausprägungen von Aufrufen und Ausrufen hätten im Gegenteil verhindert, dass das Zeichen richtig wahrgenommen würde. Die Heiterkeit und die anarchische Unbeschwertheit, die hinter der braven Ausdrucksweise hervorlugten, wären von den Satzzeichen zerquetscht worden. Wie der Eulenspiegel, der eingepfercht in einer Schachtel auf der gespannten Sprungfeder sitzt und vergeblich darauf wartet, dass jemand den Deckel öffnet, um ihn endlich seinen Schalk ausleben zu lassen.

 

Der Feinsinn hinter dem Schild schlenderte weiter durch meine Gedanken. Weg vom Fussball, mitten in meinen Alltag. Ins Büro, in die Freizeit, in den Haushalt. Ich wurde gewahr, dass überall Verbotschilder standen. Schilder, die nicht irgendwer aufgestellt hatte, sondern ichselber. 

 

«Keine Pause machen, mir fehlt die Zeit.»

 

«Nicht ausschlafen, die Sonne scheint so schön.»

 

«Keinen Alkohol am Vormittag trinken, das geziemt sich nicht.»

 

Die Erkenntnis liess mich erstarren wie den Autofahrer, der von einem Polizisten angehalten wird, nachdem er ungebremst ein Rotlicht überfahren hat. Ich entschied, mir den Hauswart zum Vorbild zu nehmen und ein neues Schild für mich zu entwerfen. Ich würde es gut sichtbar in jedem Raum meiner Wohnung aufhängen, damit es mir nicht mehr aus dem Sinn schlüpfen konnte. «Leben nicht verboten». Auf einmal gelüstete es mich nach einem frisch gezapften, kühlen Bier mit einer jungfräulich weissen Schaumkrone. Der scheue Blick auf die Uhr sagte mir, dass es Viertel vor zehn am Morgen war.

 

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Ihr Menschen und all eure Verbote. Ihr hasst sie und doch kommt ihr nicht von ihnen los. Wenn ihr sie unbedingt braucht, warum macht ihr es nicht wie ich? Verbietet euch doch einmal, dass ihr euch immer alles verbietet!

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