Seitensprung vor Weihnachten

17.12.2018

Ich hatte es versucht. Meine gute Freundin Georgette hatte keine Zeit und mein alter Kumpel Lorenzo keine Lust. Eigentlich hatten mir beide das Gleiche gesagt. Sie wollten mich nicht begleiten. Während sie ihre fehlende Lust in wortreiche Ausreden kleidete, mochte er seine Absage gar nicht erst erklären.

 

Ich bin nicht empfindlich. Es macht mir nichts aus, ohne meine Freunde etwas zu unternehmen. Doch diesmal fühlte ich mich im Stich gelassen. Wie der Mann im Mond, der einsam seine Kreise um die Erde zieht, während die Kollegen auf den Trabanten von Jupiter oder Saturn ihre Planeten in Gruppen umschwärmen. Nein, ich musste nicht an eine Beerdigung. Aber so ähnlich kam ich mir vor. 

 

Niemand wollte mit mir an den Weihnachtsmarkt gehen. Ich weiss auch nicht, warum ich mir dort ohne Begleitung verloren vorkomme. Vielleicht liegt es daran, dass der Markt auf die Tage hinweist, an denen viele Leute einsam sind. Oder weil ich nicht behaupten kann, ich sei bloss auf dem Markt, weil mich jemand mitgeschleppt habe.

 

Weihnachtsmärkte sind kitschig und völlig überflüssig. Alles, was es zu kaufen gibt, hat Verzierungen und Verschnörkelungen, und nichts ist von unmittelbarem Nutzen oder hat einen praktischen Wert. Trotzdem liebe ich die Märkte im Advent. Oder gerade deswegen. Ich kann sorgenfrei durch die Stände flanieren. Nichts, wofür ich Geld ausgeben würde, aber alles, das meine Aufmerksamkeit zu gewinnen vermag.

 

Welch wunderbares Zeugs es überall gibt! Geblasene Glaskugeln und Kerzen aus einheimischem Bienenwachs, Duftöle, Marseilleseifen und orientalische Biogewürze. Lichterketten und Sterne mit bunten LED-Leuchten, Kappen und Socken aus Wolle von artgerecht gehaltenen Schafen, kandierte Früchte im Schokoladenanzug, Nougatstangen und Lebkuchen. Engel aus Gips und Porzellan, in allen Posen – ausser fliegend. Das scheinen sie den Flügeln zum Trotz nicht zu dürfen. Offenbar gilt es die Gefahr auszuschalten, dass die Engel uns Menschen just zu Weinachten im Stich lassen könnten.

 

Wie ein Astronaut auf dem Mond nach Leben forscht, sehne ich die Schwerelosigkeit herbei, das Schweben in der Zeit freudvoller Erwartung, in der die Zeit keine Rolle spielt. Über Weihnachten sind die einzigen Tage im Jahr, während denen die Menschen zur Ruhe kommen und Einkehr halten. Die einen finden zu Gott, die anderen zu sich selber. Die Vorfreude, ich geniesse sie mehr als die Feiertage selber.

 

Ich beschloss, den Spaziergang durch die Standreihen mit einem Glühwein zu beschliessen. Da die Betreiber der Bretterbudenbeiz am Rand des Marktes neben rotem auch weissen Wein anboten, wusste ich, dass es mehr als eine Portion werden würde. Ich stand verlassen an einem der runden Stehtische, vor mir eine volle und eine leere Tasse. Ein jüngeres Paar gesellte sich aus Mangel eines anderen Platzes zu mir. Während der Mann mich mit Ignoranz bedachte und die Frau mir ein verlegenes Lächeln schenkte, dampften unsere drei Tassen um die Wette. Ich war gespannt auf seine ersten Worte. «Ich verstehe nicht, warum du nicht früher frei eingegeben hast, Erika.»

 

Sein gebieterischer Tonfall fegte das zarte Lächeln aus Erikas Gesicht. «Ich habe dir gesagt, dass zuerst mein Projekt abgeschlossen sein muss, bevor ich Ferien planen kann.»

 

«Wir wollten doch Skifahren gehen über die Festtage.» Seine Stimme tönte noch gebieterischer.

 

«Duhast Skifahren gehen wollen. Ich bleibe lieber zu Hause. Mir ist es recht, wenn ich mal ein paar Tage nichts los habe.»

 

Der Mann schnaubte. «Nichts los? Du besuchst wieder deine Verwandten und hinterher jammerst du, wie anstrengend das alles war. Immer das gleiche Essen und immer die gleichen Gespräche.»

 

«Das gehört sich halt so.»

 

«Nein, das gehört sich überhaupt nicht. Ausser man will es tatsächlich.»

 

Erika setzte zum Gegenangriff an. «Dafür gehört es sich, wenn du über die Festtage dauernd deine Mails checkst und mit deiner Chefin telefonierst?»

 

Er reagierte gereizt. «Das ist nun wirklich nicht dasselbe. Hier geht es um meinen Job, also habe ich keine andere Wahl.»

 

«Ich sehe keinen Unterschied.»

 

Ich musste ihr Recht geben. «Was geht Sie das an?» raunzte der Mann mich auf einmal an. Ich fuhr erschreckt zusammen. Offensichtlich hatte ich unbewusst mit dem Kopf genickt. Noch während ich angestrengt nach einer entschuldigenden Antwort suchte, ging mir Erika zur Seite. «Lass den Mann in Ruhe.»

 

«Er hat Partei für dich ergriffen!»

 

«Immerhin jemand, der auf meiner Seite ist.»

 

Mir wurde zunehmend unwohler. Ich sah mich bereits mit der Faust des Mannes Bekanntschaft machen. Doch er war nicht in Kampfeslaune. Er leerte seine Tasse in einem Zug, knallte sie auf den Tisch, dass die beiden anderen überschwappten und zückte das Mobiltelefon. «Du entschuldigst, ich muss meine Chefin anrufen.» Er warf Erika einen trotzigen Blick zu und ging.

 

Sie schenkte mir ein frisches verlegenes Lächeln. «Es tut mir leid, dass Sie da hineingezogen worden sind. Die Feiertage sind bei uns immer ein schwieriges Thema.»

 

Ich liess mich von Erika widerstandslos auf einen Glühwein einladen und von ihrem schüchternen Lächeln bezaubern. Ich gestand ihr meine Liebe zu Weihnachtsmärkten und nahm ihr Verlangen nach einem Seitensprung, einer Flucht aus dem für sie so unsäglichen Alltag wahr. Da eine Verbundenheit zwischen uns in der winterlichen Luft schwebte, liess ich mich darauf ein. Wir schlenderten Seite an Seite über den Markt und kosteten aus, wie die Gravitation mehr und mehr von uns abfiel und die von den Menschen ausgehende Hektik sich verflüchtigte. Das Abenteuer mit Erika, es erfüllte mich mit Dankbarkeit und Freude, und als wir uns verabschiedeten, wünschte ich mir insgeheim, es möge sich bald fortsetzen.

 

Ich werweisste, ob ich mir noch einen letzten Glühwein gönnen sollte, entschied aber, dass es Zeit war, die Umlaufbahn des Lächelns zu verlassen und nach Hause zu gehen. Ich war noch keine hundert Meter gegangen, da stolperte ich über Lorenzo. Er wirkte auf mich, als hätte ich ihn ertappt. Wie ein Liebhaber, der mit einem mächtigen Strauss vielfarbiger Margeriten der eigenen Frau, die eine Blumenallergie hat, in die Arme rennt. «Ich muss, äh, eine Weihnachtsdekoration kaufen», bekam ich auf meine Frage, was er hier mache, zu hören. «Meine Grosstante Gina kommt mich besuchen. Sie liebt Lichterglanz und Christbaumschmuck über alles.» Lorenzo lächelte gequält, als ich nicht reagierte. «Das kann ich ihr nicht abschlagen. Ich bin ihr Erbe und sie ist 93-jährig.»

 

Bevor ich eine spöttische Bemerkung machen konnte, hatte er sich verabschiedet und war Richtung Markt davongeeilt. Ich wusste nicht recht, ob ich mich amüsieren oder nerven sollte. Oder rechtsumkehrt machen und für mich alleine einen letzten Glühwein trinken gehen sollte. Es war eine Erinnerung, die meinen Entscheid vorwegnahm. Ich hatte Georgette versprochen, ihren Weihnachtsbaum vom Keller in die Wohnung im fünften Stock zu tragen. 

 

Mehr als diese Aufgabe belastete mich etwas anderes. Letztes Jahr hatte ich Georgette geholfen, die Tanne zu schmücken. Bemüht zwar, aber lustlos. Ich hatte so lange mit der Christbaumspitze gespielt, bis sie mir heruntergefallen war. Während sie in Hunderte Stücke zersplittert dalag, war meine gute Freundin am Boden zerstört. Ein Ersatz musste her, wollte ich an Weihnachten von ihr wieder auf ein Tiramisu eingeladen werden. Es blieb mir nichts anderes übrig, als umzukehren. Immerhin brauchte ich keine Ausrede mehr für einen weiteren Glühwein.

 

Köbi, der Gartenzwerg, meint dazu: Weihnachten ist euer Fest der Feste, liebe Menschen. Alles muss perfekt sein, und bis es soweit ist, habt ihr das perfekte Chaos. Versucht doch einmal, es nicht perfekt zu machen. Ihr werdet sehen, es wird umso perfekter.

Please reload

Letzte Einträge
Please reload

© 2019 by Daniel Göring – alle Rechte (Bild und Text) vorbehalten